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Darmstadt – FC: Sechsmachine

30 Minuten sah das alles gar nicht mal so gut aus, was der ruhm- und glorreiche 1.FC Köln auf den frostigen hessischen Rasen zauberte. Wenig klare Aktionen nach Vorne, viele “Stockfehler”, würde man im Eishockey sagen, fahriges Passspiel und viele, viele kleine Dinge, die das Spiel eher an ein zähes Stück altes Speck, statt an ein saftiges Steak erinnern lassen.
[Keine Ahnung warum mir in letzter Zeit so viele Essens-Vergleiche einfallen, oder ich sie einbaue, irgendwas muss ich anscheinend kompensieren aber das steht ja zum Glück auf einem anderen Blatt.]
Nun gut, zurück zum Spiel: Nach dieser recht grauen halben Stunde gibt es Freistoß, Konstantin Rausch denkt sich: Da baller ich das Ding doch mal halbhoch in die Mauer und weil es so schön war macht er das gleich nochmal, verwirrt mit dieser gewagten Taktik anscheinend die komplette Darmstädter Hintermannschaft, so dass die Olkowskische Hereingabe -von Flanke sprechen wir hier noch nicht- das Schienbein des, ins luftleere grätschenden, Aytac Sulu trifft und der Ball zum ersten Mal im Jahr 2017 den Weg ins Tor des Gegners findet. 1:0 aus dem ziemlichen Nichts heraus und doch war zu diesem Zeitpunkt das Spiel schon gelaufen, ob wir es ahnten oder nicht, das Schicksal nimmt keine Rücksicht.

Dass es zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch 0:0 stand ist zwei Umständen geschuldet, zum einem versemmelte Gondorf vor dem Kölner Tor eine Chance, an der man erkennen konnte, warum Gandalf dem nach ihm benannten Land zur Hilfe kommen musste und dann war da auch noch Christian Clemens, der mit einem netten Dropkick-artigen Schuss an Esser scheiterte. Ja jut, kann passieren. Mehr war bis dahin nicht geschehen, wenn wir mal die Nickligkeiten außer Acht lassen, die dafür sorgten, dass selten länger als zwei Minuten am Stück gespielt werden konnte. Irgendeiner lag immer auf dem Rasen und schrie wie eine Fuhre Hammel auf dem Weg in die Dönerfabrik.

Aber, so stand es dann eben 0:1 und der 1.FC Köln nutzte die kurzfristige Hühnhaufen-Mentalität des SVD gnadenlos aus. Das Kopfball(!)-Tor(!!) von Osako nach Flanke(!!!) von Bittencourt fällt so nicht mal im Training, da herrschte keine Zuordnung, kein Druck auf den Flankengeber, das sah aus als würde Darmstadt mit drei Mann weniger spielen. Ich kann ja im Ansatz verstehen, wenn man reagieren will und in der Vorwärtsbewegung bei Ballverlust ein wenig überrascht wirkt aber zwischen Ballverlust und Abschluss liegen fünfzehn Sekunden, in denen die Lilien-Spieler auf alten Röhrenfernseher gar nicht im Bild gewesen wären. Das ist dann doch eine Spur zu naiv, sorry.

Ich bin als Fan des 1.FC Köln immer noch so zerfressen von Selbstzweifeln, dass eine Zwei-Tore-Führung beim, wahrscheinlich, schwächsten Mitglied der ersten Fußball-Bundesliga bei mir nicht mehr auslöst als ein inneres skalieren der Gewinnchancen auf 35-40%. Es ist deutlich besser als die 10% Chance, die ich dem effzeh vor Beginn jeder Partie gebe aber es ist weit davon entfernt, dass ich mich wohl fühle. Das Leben als Fußballfan in Köln hat mich in etwa so empfänglich für die Realität gemacht wie privilegierte Sklavenhalter-Töchter aus Süd-Alabama, die Trump gewählt haben, damit der einfache Amerikaner wieder eine Stimme bekommt. Nur eben andersrum. Ich verdränge die Möglichkeit einer kontinuierlichen Besserung, weil mich die Geschichte gelehrt hat, dass irgendwo Frau Daum mit Hanutas auf mich lauert. Vielleicht nicht heute, und vielleicht auch nicht morgen aber ich weiß, dass sie da ist und nur darauf wartet, dass ich es mir in meinem Happy Place zu gemütlich gemacht habe.

Ist das Quatsch?

Natürlich sehe ich die Entwicklung und natürlich kann ich mich der Realität nicht entziehen. Ich verstehe schon, was da passiert, ich sehe die Entwicklung und doch habe ich immer diesen Schiss, das da noch irgendwas schief gehen kann, dass sich der Himmel öffnet und Gottes Hand selbst den Ball in unserem Netz platziert, weil es ihm gefällt. Nach dem 0:3 durch Modeste, war der Puls schon ein wenig runter, bis ich dann in der Pause die ersten Tweets las, die mit dem Spiel abgeschlossen haben, die sich schon auf die Schulter klopften und den Sieg feierten, die Bier in Baku tranken und überhaupt und alles. Das macht man doch nicht als effzeh-Fan, ihr wisst es doch besser. Stromausfall, Spielabbruch, vier Tore Heller, es ist doch nicht so, dass wir hier von einem rational erklärbaren Club reden. Immer noch nicht.

Oder doch?

Nach der Halbzeit gab es eine Phase von zehn, fünfzehn Minuten, die dafür sorgten, dass ich mir schon in Gedanken die Schlagzeilen für ein Comeback der Darmstädter ausgemalt habe, die mich schimpfend auf Gott und die Welt auf die Couch schlagen ließen. Darmstadt kommt mit einer scheiss-drauf-ist-eh-alles-am-arsch-Mentalität aus der Pause, tritt auf alles was Füße hat, kauft dem effzeh den Schneid ab und kämpft sich wie ein sehr begrenzt talentierter aber wild entschlossener Gallier durch römische Kohorten zurück in das Spiel. Jedenfalls kommt mir das in dem Moment so vor, was aber natürlich komplett überbewertet ist, denn, wenn ich ehrlich bin, macht der effzeh halt nur genau das, was er machen muss um das Spiel möglichst verletzungs- und sorgenfrei über die Bühne zu kriegen. Es war ja nicht so, dass Darmstadt Chance auf Chance hatte, sondern -ganz im Gegenteil- eigentlich war bis auf blindes Anrennen da nicht viel. Von Spielkultur müssen wir nicht reden, das ist allerdings auch etwas, was der SVD gerade so gar nicht braucht. Dennoch war ich völlig unsinnigerweise immer noch nervös. Als das 1:3 fiel (ja, kein Elfer, wieder blödes Gelb für Höger – aber dafür war es fünf Minuten vorher ein klarer Elfer, der nicht gegeben wurde), eskalierte ich kurzfristig innerlich. Kann doch wohl nicht wahr sein, holt die doch nicht in das Spiel zurück. Und wer bitte schön soll denn für uns noch treffen? Modeste ist ja schon raus. Mann, ey…

Und dann läuft Osako auf das Tor zu, ja, dieser Osako. Unser Osako. Yuya Osako. Geboren am 18. Mai 1990 in Kaseda, Japan. Kein anderer. Läuft, schießt, Torwartfehler, Tor, 1:4, zufrieden. Ich stand vom Sofa auf, schrieb noch etwas in die WhatsApp-Selbsthilfegruppe, die schon längst -ohne mein Zutun- in einer Art Feierstarre gefallen war, ging zum Fenster und holte ein gute französische Zigarette aus der Packung. Sie schmeckte nach drei Punkten, nach Abenden am Mittelmeer, kurz vor einem Flutlichtspiel im Stade Vélodrome. Sie schmeckte nach Weltherrschaft und russichem Vodka. Nach Fährfahrten in Skandinavien und Tapas in Andalusien.

No one can stop us now.

So ist das manchmal, zwischen einer Es-ist-alles-verloren 3:1 Führung und einer wir-verlieren-nie-wieder-ein-Spiel-Zigarette liegt manchmal nur ein Torwartfehler und ein kleiner Japaner.

Der Rest ist Schaulaufen. Milos Jojic beweist, warum ich ihn so mag, die Ballannahme vor dem 1:5 bekommt im Team des 1.FC Köln so kein anderer hin. Vielleicht gäbe es viele häßliche Verletzungen, wenn Peter Stöger diesen Move beim Training als Pflichtübung einführen würde. Besser nicht. Dass Rudnevs noch das 1:6 folgen ließ kostet mich zwar 25 Euro, es war schließlich sein drittes Tor im Trikot des 1.FC Köln aber gut, es freut mich doch.

Ihr denkt ja immer, dass ich ihn nicht mag, was so ja gar nicht stimmt. Aber da schreibe ich dann irgendwann mal etwas ausführlich drüber. Bestimmt.

Zwei Dinge noch, die in diesem Spiel für Diskussionen sorgten: Die Aktion von Modeste gegen Sulu sieht in der Zeitlupe bescheuert aus, ist aber völlig aus dem Kontext gerissen, weil, wenn man sich die Szene in Realgeschwindigkeit und in Gänze anschaut, dann sieht man, dass Sulu sich in den Laufweg von Modeste stellt, dieser im Lauf ist und versucht sich mit den Armen Platz zu machen. Ja, ich finde auch, dass Modeste Glück gehabt hat, dass er nicht vom Platz geflogen ist, weil er schon sehr robust und unmissverständlich vorbei will, ich sehe aber keine Tätlichkeit. Das mag ein wenig mit der rosaroten effzeh-Brille geschrieben sein aber ich meine es aufrichtig. Ohne das Sperren von Sulu kommt es nicht zu der Szene. Aber gut, ich bin gespannt wie die DFL mit der Szene umgeht, ich weiß immer noch nicht, ob sie überhaupt nachträglich bewertbar ist aber nach der abermals fürchterlich tendenziösen Zeitlupen-Berichterstattung sowohl von SKY als auch von der ARD könnte ich mir vorstellen, dass da noch was kommt. Und das ist etwas, was wir uns eigentlich nicht leisten können.

Außerdem ging mir Darmstadt heute ziemlich auf den Keks. Ich kann verstehen, wenn man versucht mit Geschlossenheit und Kampf und Einsatz die Klasse zu halten. Ist doch völlig klar. Und auch wenn Frings versucht eine Körperlichkeit als Grundtugend auszugeben, habe ich null Probleme mit. Eigentlich ganz im Gegenteil, es ist Fußball und nicht Basketball, da gehört ein gewisses Maß an Härte meiner Meinung dazu. Aber das heute war ziemlich übertrieben. Es war fast Ingolstadt. Und das ist kein Kompliment. Viele, viele dreckige Fouls, immer die Hand am Trikot, immer auf die Füße steigen und selbst bei der kleinsten Berührung den sterbenden Schwan markieren um Karten zu provozieren. Was ein Scheiss. Ich wünsche den Lilien immer noch alles Gute für den Rest der Saison, ich finde den Gesamtverein immer noch hoch sympathisch und wünsche ihnen, dass es noch das viel beschworene Fußballwunder gibt aber heute ging es mir auf den Keks.

Ist aber ja nicht schlimm, das Ergebnis stimmt mich milde.

18 Spiele, 29 Punkte, plus 11 Tore, Platz 7.
1 Punkt auf Platz 6
2 Punkte auf Platz 4
3 Punkte auf Platz 3
5 Punkte Vorsprung auf Platz 8

Ich glaube ich mach mir noch eine Zigarette an. Vielleicht schmeckt sie diesmal nach einem milden Wind, der über sizilianische Olivenbäume weht. Man weiß es nicht…

Come on effzeh!

2 comments to Darmstadt – FC: Sechsmachine

  • Knöpfle

    “… dass wir hier von einem rational erklärbaren Club reden.”
    Dr Driss fing schon ’65 in Holland an… Ich sag nur 2x, senkrecht, Polizei, kannste dir nicht ausdenken!

    bit.ly/2jKsgVW

  • Interessante Kleinigkeit aus dem Geißbockecho: Dein herzallerliebster »Artjoms Rudnevs« wird »Artjom Rudnev« gesprochen, also ohne »s«. Das wird im Lettischen nur drangesetzt, um deutlich zu machen, dass er ein Mann ist.

Haut rein, schreibt mir was!