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Ist Fußball das neue Quake?

Heute Morgen -auf dem Weg zum Onkel Doktor- vermeldete WDR2 dass der Fußballverband Mittelrhein “bestürzt” auf den Tod des niederländischen Linienrichters reagiert. Ich wußte nicht, was ich erstaunlicher fand: Dass der FVM überhaupt den Mund aufmacht oder dass der WDR prominent darüber berichtet. Das erinnert an die Meldung: “Bienenzüchter gegen das Robbensterben”. Wie soll ein Verband denn auf dieses katastrophale, dumme, durch nichts zu entschuldigende Vebrechen reagieren? Mit lauten Jubelstürmen? Warum sieht sich der FVM also gezwungen das Offensichtliche per Pressemitteilung (auf der Homepage findet sich bisher nichts) mitzuteilen und natürlich im gleichen Atemzug anzukündigen, dass es in Zukunft vermehrt “Anti-Gewalt-Trainings” und “Agressionspräventionen” anbietet bzw. zur Voraussetzung macht?

Im Kontext der aktuellen 12:12-Diskussion, dem unsäglichen “Sicherheitskonzept” und dem -anscheinend- vermehrt im öffentlichen Bewußtsein verankerten Gedanken, dass es sich beim Fußballer -sowohl auf dem Platz als auch auf den Tribünen- um ausschließlich aus Hunnen und Barbaren, Kriminellen und Omas-die-Handtasche-klauenen Rohlingen handelt, ist die Meldung wohl nichts anderes als ein Schnappreflex. Der Verband sieht sich genötigt sich zu distanzieren. Das ist ja schon mal schlimm genug, denn wenn ich mich als Sportverband veranlasst sehe mich von einem Mord zu distanzieren, dann habe ich entweder einen ziemlich harten Sport zu verwalten oder ich habe ein Problem mit meinen Mitgliedern. Oder: Ich stehe unter massivem politischen und gesellschaftlichen Druck. Ich tippe mal ganz knapp auf Tor 3.

Es ist ein Jammer und eine Schande, dass der Mann in den Niederlanden von den drei Irren zu Tode geprügelt wurde. Aber: Das ist doch kein fußball-spezifisches Problem. Welche Werte haben 15-16 jährige, die nicht zögern mit Stollenschuhen gegen den Kopf eines am Boden liegenden wehrlosen Opfers zu treten? Vor den Augen des Sohnes? Es können nicht viele sein. Und keine guten. Aber hat der Fußball sie gelehrt sich zu benehmen als seinen sie Satans eigene Brut? Alles was man über den Sport, seine integrative Wirkung und sein Vermitteln von Grundsätzen des Zusammenlebens weiß, deutet nicht darauf hin. Hier wird gesamtgesellschaftliches Versagen deutlich. In welchen Zeiten leben wir?

Jugendgewalt ist ein Problem. Ein massives sogar. Der Fall Dominik Brunner ist drei Jahre alt. In Berlin wurde auch jemand totgetreten, in Köln liest man in der EXPRESS alle zwei Wochen von einem neuen Übergriff in der KVB oder in dunklen Ringgassen. Immer ist es der gleiche Typ Schläger: Junge Männer zwischen 15 und 20 Jahren. Ich bin mir sicher, dass es in anderen Großstädten nicht anders aussieht. Diese Verrohung ist doch keine Kombination aus grünem Rasen und falschen Linienrichterentscheidungen. Es ist ein Wandel in der Gesellschaft, weg von der Ellbogengesellschaft hin zur Faustgesellschaft. Ich schlag Dir einfach mal in die Fresse, Arschloch! Was willste machen? Der Fußball ist da nur prominenter Blitzableiter.

Dass wir uns mit der Gewalt in den unteren Ligen und im Jugendfußball so sehr auseinandersetzen müssen, liegt eben in der überwältigenden Popularität unserer Lieblingssportart. Der Fußball hat so gut wie keine Zugangshürden. Es ist kein Elitewissen nötig um ihn zu spielen, es müssen so gut wie keine Geldmittel vorhanden sein und er ist Teil der täglichen Diskussion. Das ist sein Segen und sein Fluch. Jeder kann das Spiel spielen. Da sind dann halt auch Irre bei.

Die Ankündigung des FVM ist sicher gut gemeint aber wie immer bei solchen Projekten kann es nur den erreichen, der Willens ist überhaupt einen Grund zu finden daran teilzunehmen. Wenn ich mich sowieso außerhalb der Gesellschaft sehe, dann nehme ich auch an keinem Anti-Agressions-Irgendwas teil. Das können dann mal schön die “Weicheier” machen. Ich sehe das alles leider sehr, sehr skeptisch.

Nochmal: Das Tottreten eines Menschens ist eine Sache, die soweit außerhalb jeglichen Verständnisses steht, dass mir die Worte fehlen aber es hat nichts aber auch gar nichts mit dem Fußball zu tun. Und da müssen wir aufpassen nicht in eine Ecke gedrängt zu werden, die uns (zu sehr weiten Teilen) nicht gerecht wird.

Ich weiß nicht, wie man angemessen reagieren kann.

4 comments to Ist Fußball das neue Quake?

Haut rein, schreibt mir was!