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Paradise Lost – Olympia am Ende?

1Als Jan-Ove Waldner 1992 in Barcelona gegen Jean-Philippe Gatien in einem Finale für die Ewigkeit (jedenfalls in meiner Erinnerung) olympisches Gold holte, saß ich im ehemaligen Nordbahnhof von Barcelona ca. 30 Meter von der Platte weg und war gebührend ergriffen. Olympia, der ewige Traum, das Nonplusultra im Sport. Wir waren damals über die gesamten Spiele in Barcelona, sind praktisch täglich auf dem Montjuïc flaniert, waren beim Judo, beim Schwimmen, haben unfassbar langweilige Fußballspiele gesehen, die dennoch vom Zauber, vom Pathos Olympische Spiele vereinnahmt waren und deshalb zu etwas Besonderem in meiner Erinnerung geworden sind. In jeder Straße, in jeder Bodega in Barcelona konnte man diesen Stolz spüren, den die Stadt zusammenzuführen schien. Es knisterte an allen Ecken und Enden und während ich diesen Satz schreibe, läuft es mir immer noch eiskalt den Rücken herunter. Ich werde diese Tage nie vergessen, sie waren magisch.

Jetzt ist es natürlich etwas anderes wenn man als Gast bei den Spielen vor Ort ist oder sie “nur” als Konsument vor dem TV verfolgt aber Olympia war immer ein Fixpunkt in meinem passiven Sportleben. Für Sydney 2000 habe ich mir -ob der eher unglücklichen Zeitverschiebung- Urlaub genommen und bereute es keine Sekunde (Aussi, Aussi, Aussi!), an Athen habe in leider wenige Erinnerung (die Hockeydamen ausgenommen) und Peking 2008 bleibt natürlich wegen des Gigantismus und Britta Steffen, Jan Frodeno und Hinrich Romeike in einem kleinen Eck des olympischen Gedankenmuseums haften. Meine Liebe zu den Spielen war da schon etwas abgeschlafft. Natürlich nimmt man sie noch mit aber dieser bedingungslose Willen auch noch den dritten Kubaner in Superfliegengewicht boxen zu sehen war nicht mehr da.

Dann kam London und alles wurde wieder anders. Nach ca. 10 Minuten der Eröffnungsshow war ich gefesselt von allem was da passierte. Ich verweise noch einmal gerne auf meinen Blog vor vier Jahren. Als dann Team UK zu “Heroes” in das Stadion einlief, war das für ich fast eine Erinnerung an 1992. Es knisterte. Auch bei mir. Ich habe London quasi komplett verfolgt. Ich zitterte mit Miriam Welte und Kristina Vogel im Bahnradfahren, ich jubelte mit Julius Brink und Jonas Reckermann im Beachvolleyball (Beachvolleyball, das muss man sich mal vorstellen, der langweiligste Sport der Welt – allerdings vor überragender Kulisse am Old Admiralty Building) und litt ergriffen mit Lilli Schwarzkopf und Ole Bischof. Die 10.000 Meter von Mo Farah, die Elektrizität im Stadion, der Super Saturday zur Halbzeit der Spiele, all das ist mir noch so präsent, dass ich nicht glauben kann, dass es schon vier Jahre her sein soll. London hat Olympia für mich revitalisiert, hat dafür gesorgt, dass ich für vierzehn Tage nicht viel anderes im Kopf hatte. Ich war praktisch der Prototyp des olympischen Gedankens, denn wer nur Sport guckt, kann nicht groß Scheiße bauen. Kriege anfangen oder so.

Aber: London ist vorbei, der olympische Geist ist weitergezogen und irgendwie hat er vergessen mich mitzunehmen. Schon vor Beginn der Spiele war ich skeptisch was den Austragungsort Rio angeht. Ich war nie der Samba-Typ, habe genau null Berührungspunkte mit dem Land und die allgegenwärtige Gottesfürchtigkeit schrecken mich eher ab. Aber das sind ja nur meine persönlichen Empfindungen. Dass das Land andere Probleme hat als olympische Spiele auszutragen war wohl auch allen Beteiligten bewusst aber so ist es nun mal, die Spiele waren vergeben, jetzt muss mal halt das beste daraus machen. Und -versprochen- ich habe es versucht. Ich versuche es sogar weiterhin, denn natürlich läuft auch abends bei mir das TV. Aber von einem Zauber, von einer Ergriffenheit kann nicht mal im Ansatz die Rede sein. Die Spiele in Rio erscheinen mir sowohl vor Ort als auch bei mir zu Hause nichts anderes als eine Pflichtübung zu sein. Ganz so wie der Besuch des 85. Geburtstags des Bruders des Opas. Samstagabend natürlich. Eigentlich will man gar nicht hin, man muss aber, trinkt drei Bierchen, redet ein wenig mit der buckligen Verwandschaft, trinkt noch drei Bierchen und am Ende war es dann zwar ganz nett aber dennoch hätte man mit der Zeit auch etwas besseres anfangen können. Um auf Rio zu kommen: An dem Punkt an dem ich es “ganz nett” finde, bin ich leider noch lange nicht angekommen. Im Moment fühlt es sich fast mehr wie die halbjährliche Routine-Untersuchung beim Gastrologen an.

Das hat ganz viele Gründe. Jeder einzelne ist vielleicht nur eine Baustein aber zusammen bilden sie dann eben eine Mauer, die ich im Moment noch nicht durchschlagen konnte.

1. Das IOC

Thomas Bach und das IOC machen viel falsch derzeit. Durch den Nachweis des Staatsdopings in Russland hätte das IOC ein Statement abgeben müssen. Es ist die Frage ob man einen Teilnehmer, der bereits einmal betrogen hat (z.B. Isabell Werth) die Ehre der olympischen Spiele vorenthalten kann und soll. Darüber kann man streiten, denn sicher gibt es Grenzfälle, sicher gibt es Athleten, die gar nicht wussten, dass sie etwas illegales tun und sicher ist nicht jede Vorverurteilung gerechtfertigt. Aber: Russland ist nachweislich aufgefallen, Russland hat in einem Maß betrogen, dass es an organisierte Kriminalität erinnert und Russland kommt damit durch, weil Thomas Bach und dieses vergreiste Komitee aus Postenklebern und Funktionärsmillionären nicht an die olympische Idee glaubt, sondern an Vermarktung und Politik, an Profit und Seilschaften. Die Jugend der Welt – my ass. Dass mit dem Ausschluss der Whistleblowerin Yuliya Stepanova, die den Skandal aufdeckte und von der IOC-Ethikkommission mit der Begründung, dass sie “Teil des Systems war […] erfüllt sie nicht die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten” dem ganzen die zynische Krone aufgesetzt wird ist, macht das IOC endgültig zu einer Lachnummer. Welche Botschaft steckt dahinter: Gut, du hast betrogen aber du versprichst, dass es jetzt besser wird, wir glauben dir zwar kein Wort aber eigentlich ist uns das auch ziemlich egal, denn in erster Linie geht es uns um die Kohle, Herzlich Willkommen. Und du? Du hast dafür gesorgt, dass wir uns mit kritischen Fragen auseinandersetzen müssen, du sorgst für Besorgnis beim Zuschauer? Hau bloss ab, du Nestbeschmutzer. Herzlichen Dank, IOC. Ihr seid wirklich ein Vorbild an Sportsgeist.

Das ist jetzt alles sehr laienhaft zusammengefasst aber so kommt es eben bei mir an. Wer sich wirklich umfassen und aus erster Hand über den ganzen IOC-Dreck informieren will, der möge bei Jens Weinreich vorbeischauen und ihn auch unterstützen!

2. Brasilien

Ich bin nun wirklich kein Südamerika-Experte und mit Brasilien verbindet mich so gut wie gar nichts aber man bekommt es ja als -halbwegs am Weltgeschehen interessierter Mensch- doch wenigstens am Rand mit: Brasilien hat andere Probleme als die olympischen Spiele. Dilma Rousseff zeigt sich nicht mal bei der Eröffnungsfeier, sie ist seit 2004 als korrupt (Petrobas) bekannt, ihr Vorgänger Lula da Silva (unter dem die Bewerbung vorbereitet wurde) ist eng mit dem Mensalão-Skandal verknüpft, die verfügbaren Staatsfinanzen sind irgendwo im Bereich meines aktuellen Kontostands anzusiedeln, der Umgang mit den Ureinwohnern, der Umgang mit dem Regenwald, all das sind Umstände, die das Land eigentlich zur Ausrichtung von olympischen Spielen ausschließen sollten. Gut, jetzt kann man Sotchi anführen und sagen: Hallo? Dann darf in Russland erst recht nichts stattfinden. Jahaha, das ist richtig. Nützt nur nix, weil… wir drehen uns im Kreis… die Millionen, die Millionen. Letztlich ist es sicher auch unfair Brasilien als Land eine solche Veranstaltung abzusprechen, das will ich auch gar nicht. Es ist nur die Frage ob man sich, nach der WM 2014, mit Olympia nicht zu viel aufgehalst hat. Die aktuellen Entwicklungen rund um die Paralympischen Spiele sprechen eher dafür als dagegen. man sieht ja auch an den häufigen Protesten im Land selbst, dass es durchaus unterschiedliche Einstellungen zur Durchführung dieser Art von Events in der aktuellen Lage gibt.

3. Die Zuschauer

Oder besser: Die leeren Ränge. Kaum eine Veranstaltung ist gut besucht, überall sieht man leere Tribünen. Beim Bogenschießen im riesigen Sambadrom konnte man teilweise den Einschlag der Pfeile in die Scheibe hören. Und wehe da hat sich jemand der hundert anwesenden Funktionäre/Journalisten/Verwandten mal geräuspert. Abseits der brasilianischen Athleten kommt genau null Begeisterung für die Spiele auf. Im Beachvolleyball an der Copacabana sitzen ein paar versprengte rum, wenn nicht gerade die lokalen Helden spielen, beim Marathon sah es aus als würden die Läufer durch eine Geisterstadt laufen. So zieht sich das durch alle Wettbewerbe. Gestern beim Ringen saßen im Unterrang ein paar Leute mit Fahnen (vornehmlich Türken) und sorgten etwas für Stimmung aber wehe die Kamera versuchte mal eine Totale einzuholen. Da ist der Spielplatz von Silent Hill ein lebhafter Ort gegen. Zudem ist das brasilianische Publikum extremst parteiisch, was mir normalerweise gut gefällt aber bei olympischen Spielen irgendwie am Thema vorbei scheint. Es werden Fehler der anderen beklatscht und es wird versucht Einfluss zu nehmen. Das macht man einfach nicht. Für mich kommt bei den Wettkämpfen genau gar keine olympische Stimmung an. Es sieht eher aus wie eine von sportdeutschland.tv gestreamter B-Event.

4. Der Sport

Leider macht es der gezeigte Sport gar nicht viel besser. Er steht nun mal unter Generalverdacht. Jedenfalls bei mir. Ist das unfair? Aber klar, ohne Frage. Aber glaube ich noch an gute gute, saubere Extremleistung im Sport? Zumindest fällt es mir schwer. Da wirft Anita Wlodarczyk den Hammer über 82 Meter, da läuft Wayde van Niekerk 43 Sekunden auf 400 Metern, im Schwimmen pulverisieren die Amerikaner -allen voran Katie Ledecky- die vorherigen Bestzeiten, im Radfahren machen es ihnen die Briten gleich und über 10.000 Meter erfindet Almaz Ayana gleich mal eine neue Sportart. Die Häufung dieser Sensationsleistungen genau in Rio können natürlich auch ganz andere Ursachen haben: Optimale Vorbereitung auf Olympia, optimale Wettkampfbedingungen und der Wille zum Saisonhöhepunkt nochmal alles und ein bisschen mehr zu geben als eigentlich als Benzin im Tank ist. Ja, kann sein. Jede einzelne dieser Leistungen ist für einen normalen Menschen nicht nachvollziehbar und erfordert maßlosen Respekt an die Athleten. Ohne jede Frage. Aber: Glaube ich an das Gute? Nach allem was man z.B. aus Äthiopien oder Jamaika hört und liest? Nach allem was im amerikanischen Hochleistungssport Jahr für Jahr aufgedeckt wird? Bei Radfahrern? Ich will es wirklich glauben aber es fällt mir schwer. Vielleicht wäre weniger mehr, ich weiß es nicht.

5. Das TV

Ja, ich weiß, schwieriges Thema und ich will es auch kurz halten: Ich kann mit dem analogen Übertragungskonzept der deutschen Sender nichts anfangen. Scheinbar planlos wird Aufzeichnung hinter Aufzeichnung gehangen, der Fokus liegt 90% auf den deutschen Sportlern, da wird ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Fiji über 90 Minuten im Hauptkanal live gezeigt und die angebotenen sechs Streams sind auch nicht immer mit Leben befüllt. Dazu kommen etlich Lieblosigkeiten vom besoffenen Antwerpes (“mittlerweile ist es ja fast schon hip in Favelas zu wohnen”), über den unerträglichen Bommes, der versucht mit billigsten Oma-Gags sowas wie Frische auszustrahlen über Fehler in der Aufbereitung und… und… und… Es gibt zum Glück andere Möglichkeiten Olympia zu verfolgen aber ich gestehe, dass ich abends meist dann doch auf den Hauptkanal blicke, einfach weil ich zu faul für die Streams bin (gestern war eine Ausnahme als ich mir erst Tischtennis und dann Bahnradfahren in voller Länge angeschaut habe) und ab und an vielleicht auch mal zappen möchte. Mein TV hat keinen hbbTV-Knopf, daher muss ich mir das alles über eine App selbst zusammenfrickeln und das kann dann doch manchmal unbequem sein. Zudem kommt eben die allgemeine Unlust dazu. Mir fehlt das Leuchtturm-Event, das mich zwingt. Alles scheint so belanglos zu sein in Rio.

6. Die Begleitumstände

Ein Punkt ohne Schuld. Weder Rio noch irgendwer kann etwas dafür wenn es zu einem Verkehrsunfall mit tödlichen Folgen kommt. Dennoch ist der Tod von Kanu-Trainer Stefan Henze ein weiterer Punkt, der die Spiele 2016 für mich überschattet. Der Vorfall um den französischen Physiotherapeuten Patrick Bordier, der mit Herzinfarkt ohne anständige medizinische Versorgung im Olympischen Dorf unter den Augen der deutsche Schwimmerin Sarah Köhler verstarb, kommt erschwerend hinzu. Wie gesagt, ich will mich auf keinen Fall anmaßen über die Notfallversorgung in Brasilien und speziell in Rio zu urteilen und Unfälle passieren überall aber der Schatten ist da. Ob man die Markise nun selbst aufgespannt hat oder nicht.

Nein, bisher ist Rio 2016 nicht meins. Aber ist Olympia nun also tot, wie in der Überschrift gefragt?

Nein, tot ist übertrieben, dafür gibt es immer noch die paar Momente, die es zu etwas besonderem machen. Aber es entwickelt sich alles in die falsche Richtung. Ich wünsche mir dass die Worte „Im Namen aller Athleten verspreche ich, dass wir an den Olympischen Spielen teilnehmen und dabei die gültigen Regeln respektieren und befolgen und uns dabei einem Sport ohne Doping und ohne Drogen verpflichten, im wahren Geist der Sportlichkeit, für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft“, mit Leben befüllt werden, dass nicht alles so gottverdammt durchchoeographiert ist, dass man den Sportlern Raum und Respekt gibt, statt über einen sechsten Platz mit neuem deutschen Rekord zu mosern und dass das IOC endlich wieder dem Auftrag Pierre de Coubertins nachkommt einen sportlichen Wettkampf der Jugend der Welt zur Völkerverständigung auszutragen. Da muss dann auch McDonalds nicht unbedingt mit an Bord sein.

Das war jetzt vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen.

Wenn ich ehrlich bin, will ich wieder zurück ins Estacio del Nord Sports, ich will da sitzen und Waldner einen seiner Konterbälle spielen sehen, während hinter mir ein betrunkener Surfer Aussi, Aussi, Aussi brüllt und Danny Boyle im weißen Frack vorbeischlendert, mit einer Gesamtausgabe von Shakespeare in der Hand. Über die Boxen singen Freddie Mercury und Montserrat Caballé von ersten Begegnungen und nachts, wenn die Stadt langsam zur Ruhe gekommen ist, kann man in den Wäldern im Serra de Collserola einen Wolf heulen hören. Ganz leise zwar aber man denkt an Bobfahren. Warum auch immer. Das will ich.

Aber ich will so viel…

Natürlich ist das naiv und natürlich wird es nicht passieren aber irgendwann gewinnt dann eben die Belanglosigkeit.

5 comments to Paradise Lost – Olympia am Ende?

Haut rein, schreibt mir was!