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Warum der Fußball überleben muss

Während die Zahl der weltweit mit dem Coronavirus Infizierten auf die Millionen-Marke zusteuert, Menschen wahlweise um ihre Gesundheit oder die eigene Existenz bangen, entwirft der Profifußball fleißig Szenarien, wie das Spiel am Laufen gehalten werden kann. Die Bundesliga würde am liebsten schon ab Anfang Mai weitermachen, schließlich braucht die deutsche Bevölkerung ja Zerstreuung. Dafür würden die Vereine ihre Spieler irgendwie durch die Republik karren, zwischenzeitlich höchstens mal von Krankenwagen mit Blaulicht gestoppt. [Jörg Leopold, Der Tagesspiegel, 02.04.2020]

Diese und ähnliche Kommentare liest man jeden Tag in irgendeiner, meist themenfremden Publikation. “Der Fußball darf sich nicht überhöhen”, “Der Fußball ist nicht so wichtig”, dies und das, je nach Blatt ein bisschen schärfer oder milder, hier ein bisschen informierter, dort ein wenig polemischer, in der Tendenz jedoch gleich: Bitte, lieber Fußball, back down, du bist nicht relevant.

Ich möchte dem widersprechen. Der Fußball ist natürlich relevant. Der Fußball muss überleben. Das wird er auch, da müssen wir uns keine Gedanken machen. Das Spiel wird Corona überstehen, es wird auch nach der Pandemie und nach der nächsten und wahrscheinlich solange sich die Menschheit nicht unter 22 Einzelindividuen ausgerottet hat, weiter gehen. Darum konkreter: Der Profifußball muss überleben. Mit möglichst wenig Kollateralschaden, es muss so schnell als möglich und unter Aufbringung aller Möglichkeiten und kreativer Ideen der Spielbetrieb fortgesetzt werden. Zu sagen, dass der Fußball nur eine Nebensache ist, vielleicht die schönste, die wir kennen, ist nicht mehr zeitgemäß. Der Profifußball ist ein Wirtschaftsfaktor, ein großer Arbeitgeber, eine Unterhaltungsindustrie, ein Kulturgut und nicht zuletzt, für große Teile der Bevölkerung auch ein psychosomatischer Impulsgeber -nach oben wie nach unten-.

Es mit einem einfachen “sollen sich nicht so wichtig nehmen” abzutun, kommt der Sache nicht gerecht. Bei allem Respekt vor Breitensport, vor Eishockey, Handball und Basketball, vor Turmspringen und Dressurreiten, die Vergleiche verbieten sich. Selbstverständlich hat der Fußball in der einheimischen Sportlandschaft eine Sonderrolle eingenommen, die isoliert von den Problemen und Sorgen der “anderen” Sportarten betrachtet werden muss. Und darum, das mag jetzt furchtbar arrogant klingen, ist es logisch, dass er auch als erster “schützenswert” ist. Dafür ist der Sport eben viel zu wichtig.

Zuerst einmal ist da die Wirtschaftskraft des Fußballs. Intern wie extern. Die 36 Clubs der ersten und zweiten Bundesliga erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2016/17 (ich habe keine neueren Zahlen gefunden) bei 3,24 Milliarden Euro Umsatz einen Gewinn, der dem Staat über 1,2 Milliarden Euro an Steuern einbrachte. Darin nicht enthalten sind die lokalen Abgaben der Vereine an Stadt und Länder für z.B. Pacht und Miete für öffentlich genutzte Flächen. Auch reden wir hier nur über die 36 Proficlubs der DFL. Wenn wir jetzt den Boom der letzten drei Jahre, inkl. eines neues TV-Deals mit einrechnen, braucht es nicht viel Phantasie um davon auszugehen, dass die aktuellen Zahlen noch höher ausgefallen sein dürften. Das ist eine nicht zu vernachlässigende wirtschaftliche Kraft und wir haben noch nicht mal an der Oberfläche gekratzt, denn am Profifußball hängt ja noch viel mehr. Hunderttausende Jobs wären in Gefahr, angefangen bei den Angestellten in den Vereinen selbst, über sekundär Abhängige wie Caterer im Stadion, Restaurant- und Hotel-Betreiber in den Städten, Ordnungskräfte bei Spieltagen, die Liste kann man beliebig weiter führen, denn an all diesen dann auch betroffenen Unternehmen hängen ja auch wieder bedingt Betroffene. Der Würstchen-Lieferant für den Caterer, der Getränkehändler… so geht es immer weiter die Kette runter. Das TV ist betroffen, die Wettanbieter, man muss sich nicht mögen, sie sind aber da, die Werbetreibenden, dadurch der Print-Markt… auch hier: Es ist nicht so einfach zu sagen: “ach, habt euch nicht so, ihr seid nicht wichtig”. Im Endeffekt leben Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Profifußball. Eine Aussetzung der Liga, mit allen daran geknüpften Konsequenzen wäre wirtschaftlich ein Katastrophe. Und das nicht nur für die betroffenen Vereine, sondern ganz konkret, für das Land.

Nehmen wir mal an, dass von den 36 Proficlubs bei Einstellung des Spielbetriebs die Hälfte nicht überleben kann, was machen wir mit den Jugendmannschaften, was machen wir mit den unzähligen Breitensport-Angeboten in diesen Vereinen, was passiert mit den karitativen Initiativen? Nur als Beispiel, die FC-Stiftung hat bisher über 2,5 Millionen Euro in karitative Projekte investiert, in Kinderkrankenhäuser, an inklusive Initiativen, in ein wirklich breit gestreutes Feld. Damit sind sie nicht alleine, praktisch jeder Profi-Club in Deutschland hat ähnliche Projekte. Würde alles wegfallen. Auch die unzähligen Projekte, die von Fans, insbesondere von den oft gescholtenen Ultra-Gruppen initiiert werden, dürfen wir nicht vergessen. In Köln wird regelmäßig Essen und Kleidung gespendet, in Stuttgart sammelt das Commando Cannstatt verlässlich und dauerhaft Geld für karitative Einrichtungen und der Beispiele gibt es hunderte. Mit dem Ende des eigenen Vereins fiele auch das erstmal weg, denn natürlich hilft eine gewisse Organisationsstruktur. Auch hier bestehe ich darauf: Es ist bei weitem nicht so einfach, wie es sich manche Meinungsmacher in den Zeitungen machen.

Vielleicht ist aber das Runterbeten dieser wirtschaftlichen Argumente gar nicht der springende Punkt. Ja, es würde weh tun, aber andere Branchen, an denen ebenfalls viele Arbeitsplätze hängen, haben auch zu kämpfen. Klar, sehe ich ein. Aber, und da kommen wir dann in einen Bereich, der vielleicht nicht für Jeden nachzuvollziehen ist, der Fußball ist eben mehr als ein Zahlenspiel. Er ist auch ein psychologischer Faktor. Vielleicht nicht für Dich, der Du das jetzt hier wutentbrannt liest, aber eben für mich und ganz viele andere Menschen. Der Fußball bietet vielen Menschen eine Heimat, er bringt Struktur und Freude, er ist mehr als “ach, ich geh mal für zwei Stunden ins Stadion”. Der Effekt, den die Möglichkeit zur Ausübung des eigenen Hobbys auf den Menschen hat, ist ja mehrfach belegt. Unterbinde Kultur und du wirst Dummheit und Aggression ernten. Ja, auch der Fußball ist Kultur. Der eine geht zum Konzert, der andere ins Kino, manche Leute spielen Spiele um ihre Freizeit zu gestalten und andere gehen ins Museum. Ich sehe nicht, warum der Fußball da nicht mindestens gleichberechtigt sein sollte. Allerdings las ich noch nirgendwo eine Kolumne, dass sich die darbenden Museen mal nicht so wichtig nehmen sollten.

Natürlich überleben wir ein paar Wochen ohne Wettbewerbs-Fußball, auch, und das meine ich völlig ernst, wenn es gar nicht so einfach ist. Es zehrt schon sehr. Sollte die Saison nicht weiter gespielt werden können, sollte es zu Insolvenzen innerhalb der DFL kommen, dann wird es nur eine Lösung geben können: Die Aufweichung und wahrscheinlich sogar Abschaffung der 50+1 Regel in Deutschland. Der Eintritt von Investoren wäre keine Frage mehr des “obs” sondern nur noch des “wie viel und wann und wo”. Der Fußball, so wie wir ihn kennen, wäre zu Ende. Da spielt dann Mateschitz gegen Hopp und REWE gegen Audi und das Spiel wäre immer noch da, aber all das, was uns am Herzen liegt, all das, was den Fußball “schützenswert” macht, wie ich oben geschrieben habe, wäre weg. Dann wäre der Profifußball wirklich nur noch ein Business wie jedes andere und dann würden die Kolumnen auch stimmen: Nehmt euch nicht so wichtig.

Aber noch ist das eben nicht so. Noch ist der Fußball zu großen Teilen eben mehr als das.

Ja, wir kommen schon irgendwie klar, wir werden auch ohne Fußball in den nächsten Monaten nicht anfangen in Höhlen zu leben, aber dennoch bleibe ich dabei, auch wenn ich natürlich keine Lösung habe: Doch, der Fußball ist wichtig. Der Fußball soll sich Gedanken machen wie er möglichst schnell weiter gehen kann, denn er ist eben mehr als nur das Spiel am Samstag-Nachmittag.

1 comment to Warum der Fußball überleben muss

Haut rein, schreibt mir was!