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FC – Bremen: Dem Himmel so nah

Im Auge des Orkans herrscht Stille. Absolute, vollkommene Stille. Um dich herum tobt das Inferno, doch mitten drin, im Zentrum, ist es klar und ruhig und friedlich. Kein Wind, kein Ton, keine Ablenkung. Als Wolfgang Stark gestern Abend das Spiel abpfiff, das Müngersdorfer Stadion in einer Explosion aus Jubel auseinander zu bersten drohte, stelle ich mir vor, dass die Spieler des 1.FC Köln genau dieses Gefühl gehabt haben müssen. Nach einer Ode an den Fußball, einer Liebeserklärung an das Spiel, einem Abnutzungskampf, der alle Kräfte gefordert hat, muss es ganz ruhig gewesen sein. Ich stelle mir das wie eine Art Nahtod-Erfahrung vor. Plötzlich ist aller Druck weg, der Kopf kann einen ganz kurzen Moment abschalten, alles ist gut und die Realität eine Ewigkeit entfernt. Bis dann langsam das Grollen wieder die Oberhand gewinnt, bis die Welle dich erreicht, bis du realisiert, was da gerade passiert ist. Der Fokus weitet sich wieder, die Emotionen kommen, der Jubel, die Erleichterung und die pure Freude erreichen dich, tragen dich fort und plötzlich ist die Wirklichkeit wieder da und schreit dich an.

4:3 gewinnt der 1.FC Köln am drittletzten Spieltag zu Hause gegen Werder Bremen. Es war eine dieser magischen Nächte. Normalerweise hätte die Staionregie nach Schlusspfiff sofort Un’estate Italiana spielen müssen um auch nur annähernd die Gewichtung dieses Sieges einfangen zu können. Worte sind da schwer zu finden ohne sich in boulevardesker Phrasendrescherei zu verlieren. Das Spiel war ein Fiebertraum, pure Poesie, Sex von mir aus. Vielleicht, ganz vielleicht, können wir in drei Wochen sagen, dass es ein Abbild der Saison war und dass alles gut gegangen ist. Ich würde es uns wünschen.

In der ersten halben Stunde spielt der effzeh so gut Fußball wie noch nie. Man hatte sich auf die Bremer perfekt eingestellt, ließ ihnen keinen Platz von hinten heraus das Spiel aufzubauen, stellt schon früh alles zu, ging auf den ballführenden Spieler, ließ Kruse und Bartels keine Luft zum atmen. Man eroberte die Bälle, schaltete perfekt um, erspielte(!) sich Chance auf Chance. Schon vor dem 1:0 gab es drei ganz hervorragende Gelegenheiten zur Führung, die nach einer Viertelstunde die fast schon logische Konsequenz war. Leo Bittencourt und Dominique Heintz ackerten auf links wie Ackergäule, waren immer anspielbar und voller Ideen die Bremer Abwehr auseinander zu spielen und brachten Flanke auf Flanke recht gefährlich in den Strafraum. Das war einfach so gut, so schön, so… überzeugend, ich wollte es herausstellen. Was nicht heißen soll, dass ich nicht völlig begeistert von der gesamten Mannschaft bin. Lukas Klünter mit der Flanke vor dem 2:0, die mir körperliche Freude bereitet hat, Frederik Sörensen mit einer unfassbar konzentrierten Leistung, Simon Zoller mit einem wunderschönen Heber und ein bis an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit gehender Anthony Modeste, der in der Kabine wahrscheinlich erstmal einen halben Liter Vitamine exen musste. Ach, es war schon ein Abend zum verlieben, gar keine Frage.

Am meisten aber hat mir imponiert, dass dieser 1.FC Köln der Saison 2016/17 Charakter hat. Nach einem 2:0 innerhalb von 5 Minuten das 2:2 zu kassieren, das kann schon ein Genickbruch sein. Nicht bei diesem Team. Angestachelt von der fantastischen Atmosphäre in Müngersorf versuchte der effzeh weiter Werder klein zu kriegen, was nicht einfach ist zur Zeit. Keine hängenden Schultern, keine “ist mir egal” Körpersprache. Auf den Tag genau vor fünf Jahren stieg der effzeh in die zweite Liga ab. In der Südkurve wurden die schwarzen Töpfe gezündet, der Verein war am Boden. Es sah nach dem Ende aus. Ich kann mich noch ziemlich genau an diese fassungslose Stimmung erinnern. Niemand hatte auch nur ansatzweise Hoffnung, dass wir zurück kommen können. Dass wir nicht mehr der Chaosclub, der Randelemeisterverein und die Lachnummer der Liga sein würden. Nein, wir waren verloren. Wir zuckten mit den Schultern, betranken uns und stimmten trotzdem unsere Lieder an. Ejal wat och passeet. Wir, die wir Fans dieses Clubs waren und sind, wir hatten ja eh keine Wahl. Der 1.FC Köln hat uns vor Jahrzehnten in eine Abofalle gelockt aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Wir gingen also wieder runter, wir zerstörten uns selbst. Wir hatten alle Hoffnungen und Träume lange losgelassen. Purgatorium.

Und dann, wie gesagt auf den Tag fünf Jahre später die Katharsis. Es ist unwirklich. Es ist ganz ruhig, kein Wind geht.

Natürlich heißt das nicht, dass wir jetzt Europa buchen können aber es lässt uns immerhin noch eine weitere Woche träumen. In meiner WhatsApp-Selbsthilfegruppe schrieb Freund Stefan gestern, dass es typisch effzeh wäre, wenn wir in Leverkusen gewännen und dann am letzten Spieltag zu Hause mit 0:1 gegen Mainz verlieren würden. Ja, das wäre der 1.FC Köln in a nutshell, ohne Frage. Es würde mir das Herz brechen, wenn wir uns dieses Jahr nicht belohnen würden, wo doch Europa so nah ist. Aber wahrscheinlich würde ich es dem Verein verzeihen, so wie ich ihm bisher alles verziehen habe. Das gestrige Spiel würde seinen Teil dazu beitragen, weil es mich daran erinnert hat, was der Fußball mir bedeutet. Mir schlug das Herz im Hals, ich habe gelitten wie ein Tier, ich habe geflucht und gebetet und gejubelt und geschrieen und habe wie von Sinnen die Arme hoch gerissen. Danke effzeh.

Und, ich möchte es nicht vergessen: Danke Werder Bremen. Ich verneige mich. Ebenso wie der 1.FC Köln mit großer Charakterstärke. Wir haben es gestern wieder gesehen, wenn man Werder fünf Meter zu viel Platz lässt, wenn man zu passiv wird, dann ist diese Mannschaft unfassbar schwer zu verteidigen. Im Prinzip musst du 90 Minuten gegenpressen, musst immer in der Manndeckung bleiben und jede Sekunde aufmerksam sein, denn Werder nutzt jede sich ergebene Chance mit gnadenloser Effektivität aus. Das Paradebeispiel ist das 2:2. Einwurf, Jojic ist zu weit weg, scharfe Flanke, Klünter ist überrascht, Kopfball Tor. Sie haben mit einem Einwurf und einer Flanke die gesamte Kölner Hintermannschaft matt gesetzt. Perfekter Spielzug. Dazu die absolute Verpflichtung selbst zu handeln. Werder wartet nicht ab, sie geben Vollgas, was zu teilweise bizarren Laufwegen und Formationen führt aber irgendwo in diesem Chaos steht Kruse, der das dann alles wieder ordnet, dann kommt eine Flanke aus dem Halbraum oder man geht mit unfassbarer Geschwindigkeit einfach in den Strafraum und das ist alles, alles, alles gefährlich. Das ist wunderbarer Fußball, der eben mit dem Nachteil kommt, dass man sich hinten schneller einen fängt als sagen wir mal Ingolstadt. Aber das ist egal, es ist die Philosophie das Spiel zu spielen und nicht das Spiel zu verhindern. Natürlich ist das etwas verklärend, weil es eben so ein fantastisches Spiel war aber insgesamt muss ich schon sagen, dass ich allergrößten Respekt vor der Leistung von Werder habe und es mich freut, dass man sich nicht hat beirren lassen, als es schlecht aussah. Nouri scheint ein Guter zu sein. Ich fand auch die Interviews nach dem Spiel einigermaßen bemerkenswert. Bartels, Gnarby und Nouri mit völlig entspannten, sympathischen Aussagen. Sie würdigten das Spiel, sie suchten keine Schuld bei irgendwem. Hat mir gefallen. Also nochmals: Danke Werder, es war ein Fest.

Noch zwei Spiele stehen an. Noch ist es ganz ruhig. Allerdings hätte ich nichts dagegen, wenn uns der Orkan mit voller Wucht treffen würde und uns mitnimmt. Weiß der Himmel wohin.

Come on effzeh!

Randbemerkung: Die Südkurve mit einem unmissverständlichen Statement: “Standort Müngersdorf – Unverhandelbar!” Mehr ist dazu nicht zu sagen. Lieber 1.FC Köln: Macht euch und uns nicht unglücklich.

6 comments to FC – Bremen: Dem Himmel so nah

  • Tom the Knowing

    Halleluljah. Ich glaube, ich war FC-Spieler-technisch nicht mehr so euphorisiert seit Bodo Illgner 1990 den Elfmeter gegen Stuart Pearce gehalten hat. Was ein irres Spiel (also FC gegen Werder…)! Schade nur, dass Tony Modeste den Konter in der 2. Hälfte nicht reingemacht hat – 10 Jahre weniger Lebenszeit…
    Es war aber wirklich ein abgefahrenes Spiel. FC super, Bremen super. Wahrscheinlich das beste Spiel der Saison, selbst für neutrale Beobachter.
    UND WIR HABEN GEWONNEN! YEEEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHH!!!!!!!!!!
    P.S.: Dein Blog und deine Podcasts sind cool. Gebe ich mir immer wieder gerne.

  • 2 Traditionsvereine, nicht ganz ohne eigene Schuld jahrelang am Abgrund taumelnd, trotzen dem hysterischen Zeitgeist und erarbeiten sich besonnen und mit langem Atem die Fähigkeit, zum Ende einer strapaziösen Spielzeit einen epischen Fight abzuliefern, der die Verantwortlichen des FC Bayern wahrscheinlich mit offenen Mündern vor der Glotze zurücklies.
    Und am Ende wissen sowohl Sieger als auch Verlierer mit Würde und Respekt das Ergebnis zu verarbeiten.
    Das Spiel hat fast schon das Potenzial für den Beginn einer Fanfreundschaft.
    🙂

  • Tester

    Drei!

  • dalfatal

    Zu den Interviews nach dem Spiel: Da hast du vollkommen Recht. Die Werderspieler und auch Nouri machten tatsächlich den Eindruck, dass ihnen die Niederlage fast egal war. Sie wirkten eher so, als wären sie geflasht, bei dem Spiel dabei gewesen zu sein… Das fand ich extrem sympathisch wie die gesprochen haben.

  • Konne

    Bremen ist ja eigentlich immer einer der ersten Vereine denen ich den Abstieg und ein, zwei Jahre 2.Liga wünsche (direkt nach den vielen Vereinen, denen ich einen Abstieg auf Nimmerwiedersehen wünsche). Aber ich fand den Auftritt der Spieler und von Nouri nach dem Spiel auch super. Und die Einstellung, Verve und Effektivität der Bremer haben auch beeindruckt… und da der FC trotzdem gewonnen hat, relativiert sich meine Abneigung vielleicht auch ein Bisschen. Fanfreundschaft muss ja nicht gleich sein. Also ich kann mich nur anschließen: Geniales Spiel, super Leistung, toller Gegner.

  • Flittarder Geißbock

    Nach dem gefühlten Offenbarungseid gegen Augsburg hat es die Mannschaft geschafft, gegen drei starke Mannschaften die Trendwende einzuleiten. Zwei Spieltage vor Schluss haben wir die reale Chance auf die EL. Das ist mehr als vor der Saison zu erwarten war. Darüber hinaus wurde mit Lukas Klünter wieder ein vielversprechendes Talent in die erste Mannschaft gebracht. Somit sehe ich den letzten Spieltagen zwar nervös, aber auch positiv angespannt entgegen. Ich hoffe nur inständig, die Jungs verlieren nicht ihren Mumm. Dann kann das was werden.

Haut rein, schreibt mir was!