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FC – Bremen: Abyssus abyssum invocat

Ich belüge mich immer noch selbst. Ich rede mir ein, dass das Spiel mittlerweile nicht mehr die Relevanz hat, die es noch im Mai hatte. Ich schaue in die Tagespresse, ich rede mit meinem Umfeld, ich versuche ruhig zu bleiben aber tatsächlich hat sich nicht so viel geändert, wie ich es eigentlich gerne hätte. Ich habe immer noch dieses nervöse Augenzucken, diese innere Anspannung vor den Spielen. Ich kann nicht abschalten und mache mir tatsächlich noch Gedanken, wie es weiter geht mit dem 1.FC Köln. Während des Spiels muss ich es, auch aus Selbstschutz, kaschieren, verschleiern, ich lach dann das Verdrängungslachen und zucke mit den Schultern. Dann isses eben so. Dann steigen wir dieses Jahr eben wieder mal ab. Mir doch egal, ich hab ja Europa.

Es ist gelogen.

Es ist mir nicht egal. Es zieht sich immer noch alles zusammen in mir, wenn ich den effzeh sehe. Es bricht mir das Herz. Egal wie groß die Distanz zum Club mittlerweile ist, wenn ich Müngersdorf sehe, rieche, fühle, wenn der Ball rollt, dann bin ich immer noch zehn Jahre alt und will nicht verlieren. Ich will kein Mitleid und keine warmen Worte. Ich will gottverdammte Tore und Punkte. Das Spiel bleibt das Spiel und der 1.FC Köln bleibt (noch) der 1.FC Köln. Ich kann mich auf den Kopf stellen oder eine halbe Stunde mit dem Kopf gegen die Wand laufen, es ändert sich nicht. Es ist noch in mir, es lässt mich noch nicht los.

Gestern stand ich nach dem Frühstück auf dem Balkon, schaute auf die langsam erwachende Stadt und murmelte vor mich hin, dass es heute klappen muss. Dass man Werder schlagen kann, muss, wie auch immer. Dass heute ein paar Tore fallen, im Zweifel durch Pizarro. Diese Geschichten schreibt nur der Fußball usw. Ich schaute nach oben, als ob es irgendwie und irgendwo einen göttlichen Halt gibt. Als ob ich erwartete, dass sich der Himmel auftut, eine große, runzelige Hand rauskommt und mir den Kopf tätschelt. Alles wird gut. Mehr will ich doch gar nicht hören. Es passierte nicht. Gegenüber versuchte jemand einzuparken. Das Schauspiel wäre ein fantastisches Symbolbild für die Versuche des 1.FC Köln gewesen ein Tor zu erzielen. Vor, zurück, vor, zurück, vor, vor, vor, nee, doch nicht, nochmal zurück, vor, falsch eingeschlagen, zurück, passt nicht, weggefahren. Man hätte bequem ein kleines Flugzeug in der Lücke parken können aber irgendwie wollte die Karre nicht rein. Oder der Fahrer hatte getrunken, ich weiß es nicht. Ich hätte nicht lachen dürfen, das wusste ich sofort. Karma is a bitch.

Nach dem 0:0 gehen dir dann tausend Gedanken durch den Kopf. Himmel hilf, wer soll ein Tor bei uns schießen? Wie kann die Mannschaft sich noch retten? Gegen wen wollen wir gewinnen, wenn nicht gegen selbst mausgraue, halbtote, wie am Fließband Fehler produzierende Bremer? Zwei Punkte, nächste Woche Leverkusen, dann Hoffenheim. Dann guckst du auf die Tabelle, siehst, dass der HSV in seinem natürlichen Habitat angekommen ist, siehst, dass das alles noch zu machen ist, rechnest ein wenig, denkst, dass es nur besser werden kann, dass es ja auch nicht alles schlecht war und dass… ach, alles. Ihr wisst, was ich meine. Und dann guckst Du nochmal auf die Tabelle und auf die frisch eingetroffene Karte für Belgrad, machst ein Witzchen oder zwei auf Twitter und legst dich auf die Couch. Im Hintergrund läuft irgendwas belangloses, du hast keine Lust auf nichts und verfällst in die Nach-Spieltags-Depression, die man doch eigentlich hinter sich lassen wollte.

Müssen wir über die Chancen sprechen? Müssen wir auch hier noch auf Guirassy drauf schlagen? Ja, er hatte Chancen, ja, die Szene in der 86. Minute wird wahrscheinlich in keinem Bundesliga-Rückblick fehlen und zu Frank Mills Pfostentreffer der Neuzeit werden,  aber, wisst ihr was? Er ist eben einen kleinen Schritt zu weit vorne, der Ball kommt scharf rein, er bekommt den linken Fuß nicht mehr weg und dann iss es eben so. Das sieht trottelig aus aber jeder von uns ist schon mal beim Schuhe anziehen aus dem Gleichgewicht gekommen oder gegen eine Tür gerannt, hat sich nach einem falschen Tritt aufs Maul gelegt oder ist ohne zu bremsen in eine Skihütte gedonnert. Scheiße passiert. Viel merkwürdiger und beachtenswerter empfand ich die Chance ein paar Minuten vorher, als Heintz ihm einen Zuckerpass in den Lauf spielt und er den Ball eigentlich frei vor dem Torwart vertändelt. Da können wir mal über mangelndes Selbstbewusstsein oder eine Blockade im Kopf sprechen.

Mann, ey.

Das wirklich fatale ist: Man kann der Mannschaft nicht viel vorwerfen. Man kann ihr den Kampf nicht absprechen, man kann ihr den Willen nicht absprechen aber es ist offensichtlich und zunehmend frustrierend: Sie ist nicht besser. Sie kann es nicht besser. Was Konstantin Rausch, dessen heroische Rettungsaktion kurz vor Schluss noch einen Punkt sicherte, auf links für Spiele macht, ist nicht zu beschreiben. Jeder, wirklich jeder Ball verspringt ihm, er steht zu weit weg vom Gegner, er bekommt keinen einzigen gescheiten Pass hin, seine Flanken sehen so aus als ob ich FIFA spielen würde und den falschen Knopf drücke und seine Standards sind nur noch mit Schimpfworten richtig umschrieben. Sein Pendant auf rechts ist Simon Zoller. Für ihn gilt eins zu eins das oben geschriebene. Das muss man auch ansprechen, denn mit Fanboytum und hey Jungs, weiter machen, das wird schon, bleiben wir eben stehen. Man sah letztes Jahr schon die fehlende Qualität, man tat nichts und jetzt sind eben keine Überperformer mehr da, die diese Nicht-Leistungen auffangen. Wir spielen eigentlich von der ersten Minute an in Unterzahl weil wir Spieler in der Mannschaft haben, die nicht Bundesliga-tauglich sind. Das ist einfach so.

Und, ganz ehrlich, wenn ich dann die Aussagen nach Borisov höre, dass man enttäuscht sei von den Fans, dann platzt irgendwo in mir eine Ader. Da stellt sich Marco Höger, der seit Monaten nichts mehr auf die Kette bekommt, hin und sagt ohne rot zu werden „Dass man unzufrieden ist, klar. Aber der Satz: ’Wir wollen Euch kämpfen sehen’ ist deplatziert. Wenn wir eins nicht machen, ist es aufgeben.“ Junge, da fahren tausende Menschen über Amsterdam, Warschau, Danzig, Minsk nach fucking Borisov, geben hunderte, tausende Euro für diesen Trip aus und Du, Marco Höger, stellst Dich hin und kritisierst, dass ein Lied angestimmt wurde, dass die Unzufriedenheit versucht in Worte zu fassen. Hätte ein “Wir wollen Euch noch ein bisschen mehr kämpfen sehen, damit wir mal wieder ein Tor sehen können” besser gepasst? Vielleicht. Ist aber spontan eine enorme logistische Herausforderung den Block über die Textänderung zu informieren. Mann Marco, ihr spielt gegen ein so unfassbar schlechtes Bate, kassiert ein Gegentor, bei dem im Stadion als Tormusik eigentlich das Benny-Hill-Theme (Rausch!) eingespielt werden müsste und macht in den letzten 20 Minuten gar nichts mehr? Nichts? Keinen einzigen strukturierten Angriff? Und Du, Marco Höger, stellst Dich da hin und kritisierst die Fans. Die Eier muss man erstmal haben. Das gilt übrigens auch für Schmadtke und Stöger, die ebenfalls nicht verstehen konnten, dass die Fans pfiffen.

Dass die Mannschaft in Köln einen enormen Kredit hat, dass man sicher nicht vergisst, was letzte Saison passierte, dass man noch nicht in einer 2012er Saison angekommen ist, konnte dann gestern vor dem Spiel beobachtet werden. Zusammen mit den Fans stimmt sich die Mannschaft am Zaun zur Süd auf das Spiel ein, die Fans zeigten, dass Weißrussland vergessen ist. It’s a new dawn, it’s a new day singt Nina Simone leise im Hintergrund. Dieser Rückhalt, dieser unbedingte Willen den effzeh wieder zurück auf die Erfolgsspur zu bringen, diese Leidenschaft, ja wo gibt es diese vorbehaltlose Selbstaufgabe denn noch in Deutschland? Da könnt ihr euch aber mal umgucken, liebe Spieler und das Ergebnis an einer Hand abzählen. Wenn überhaupt. Ihr habt nach acht Spielen einen Punkt und drei Tore und das Müngersdorfer Stadion ist trotzdem ausverkauft! Da sind 45.000 Menschen, die Euch von der ersten Minute an nach vorne schreien. Diesen vielleicht letzten Trumpf, den der 1.FC Köln immer noch hat, den würde ich an Eurer Stelle, gerade in der jetzigen Situation mit Samthandschuhen anpacken und nicht die beleidigte Leberwurst spielen, weil ein Lied vielleicht nicht so hundertpro gepasst hat.

Kommt mal klar.

In diesem Zusammenhang muss ich natürlich auch mal kurz auf Schmadtke eingehen. Seine Interviews werden immer schmallippiger, seine Versuche eigene Fehler und eigenes, man muss es deutlich so sagen, Missmanagement zu verharmlosen, werden immer auffälliger. Er sieht es tatsächlich so, dass seine bisherigen Transfers eigentlich gut waren aber diesmal eben ein paar Dinge einer Fehleinschätzung unterlagen. Meine Stimmung Richtung Schmadtke dreht sich so langsam. Wir reden seit drei Jahren davon, dass wir im offensiven Mittelfeld Verstärkung brauchen, dass wir auf Außen Alternativen brauchen, dass wir auch nicht nur mit einem Stürmer in die Saison gehen sollten. Und was passiert? Nichts. Seine große Leistung in Köln war es bisher die Leistungsträger zu halten. Im letzten Jahr hatten wir dann das Glück, dass andere Mannschaften auch nicht wollten und wir mit unter 50 Punkten nach Europa kamen. Es war ja nicht so, als ob wir die Liga nach Belieben bestimmt hätten. Erinnert Euch mal an die Serie nach dem Pokal-Aus in Hamburg. Wir haben aus den letzten 15 Spielen 4 gewonnen. Das ist eigentlich nicht die Bilanz eines UEFA-Pokal-Teilnehmers. Da waren Spiele dabei (das 1:2 im verfluchten Augsburg), wo man sich am liebsten die Augen mit glühenden Gyros-Spießen ausgestochen hätte. Dann kam der Sommer, Modeste war weg und wir warteten Tag um Tag auf die ersehnten neuen Spieler. Wir hatten immer noch Rudnevs, Clemens und Rausch im Kader. Und was passierte? Nichts. Seit drei Perioden herrscht beim effzeh absoluter Stillstand. Guckt mal in die Transfers und sagt mir, was gut war:

Guirassy?
Clemens?
Rudnevs?
Höger?
Rausch?
Subotic?
Córdoba?
Horn?
Pizarro?

Hör mir doch auf. In Mainz…ach… schon gut.

Der Fokus liegt anscheinend bei Schmadtke nicht wirklich auf den Spielern, sondern eher beim Umfeld, wenn man seine offensive Darstellung der “Neues Stadion”-Situation betrachtet. Na, dann baut mal schön mit einem “strategischen Partner” ein 70.000 Leute Dingens nach Kerpen oder Bergheim oder in die Wahner Heide. Klappt bestimmt. Und Schmadtke wundert sich? Alles wird ignoriert, alle sind dumm, nur er weiß es besser. Ja jut. Kann ja sein, ich bin gespannt.

Nee, ganz ehrlich, so sympathisch Schmadtke im Erfolg ist, so arrogant kommt er in der Krise rüber. Und dass die Fans dann mal etwas anderes singen als “Du bist der beste Mann” muss er dann eben auch mal aushalten. Und vielleicht in Interviews eine Spur defensiver werden, denn letztlich waren wir schon da als er noch in Düsseldorf Fliegen gefangen hat und unser Anspruch am 1.FC Köln ist garantiert nicht kleiner als seiner.

Bei allem Ärger, bei aller Enttäuschung, eine Sache ist mir noch wichtig: Peter Stöger ist alternativlos. Es kann keinen besseren Mann als den Trainer gerade geben auch wenn ich verstehen kann, wenn er selbst die Notbremse zieht und die Stadt verlässt, weil, noch ist er der Trainer, der den Verein zurück nach Europa gebracht hat. Bald ist er vielleicht der “schlechteste FC-Trainer aller Zeiten”. Ich kann die Schlagzeile schon vor mir sehen. Und das muss sich Stöger nicht antun. Ich hoffe dennoch, dass er bleibt. Und falls Schmadtke ihn wirklich entlassen sollte, dann hoffe ich, dass die Fans deutlich Partei ergreifen. Nicht Stöger hat uns die aktuelle Situation eingebrockt.

Okay, jetzt geht es mir etwas besser.

Come on effzeh!

7 comments to FC – Bremen: Abyssus abyssum invocat

  • Hilm

    Danke für deine Worte.

  • Björn F.

    Scheinbar hat der Verein deinen Beitrag gelesen. Es wird zwar jetzt natürlich nicht sofort alles besser, aber es ist ein starkes Zeichen vom Vorstand pro Stöger. Von der Seite ist beim effzeh doch noch etwas aus der letzten Saison mitgenommen worden.

  • Manuel

    Immer, wenn ich lese “die Szene darf in keinem Bundesligarückblick fehlen” frage ich mich: Wie viele Saisonrückblicke gibt es? Eigentlich keinen mehr, oder? Gab’s früher mal. Also, auf den Index mit der Phrase!

  • Eisen-Kaiser

    Axel ich bin ein großer Fan deiner Beiträge und kann das meiste so unterschreiben. Auch ich lüge mir immer wieder vor dass mir der FC nicht so wichtig wäre, bin dann aber am Spieltag doch wieder vor dem Fernseher und zittere bis zum Herzinfarkt mit.
    Schmadtke kommt mir aber bei dir zu schlecht weg. Das diese Transferperiode Mist war steht außer Frage. Wobei dass aber meines Erachtens nicht daran liegt dass Schmadtke blöd ober blind ist sondern dass zuviel auf die Zukunft und junge Spieler gesetzt wurde statt auf erfahrene Bundesligaspieler. Trotzdem möchte ich nochmal dran erinnern:
    Bittencourt
    Osako
    Ujah
    Modeste
    Helmes
    Sörensen
    Das waren alles Schmadtke Transfers und zweifellos Perlen. Auch Höger hat mir letzte Saison eigentlich ganz gut gefallen

  • Das waren Transfers, die in Zusammenarbeit mit Jakobs vor den von mir angesprochenen drei letzten Perioden stammen.

  • Marc

    Da war Jacobs beteiligt. Alles befor Schmadke Junior Niels das Scouting übernahm.

  • spuehlhand

    So, das Fragezeichen hinter Guirassy ersetze ich jetzt mal durch ein Ausrufzeichen. Ich wette, weitere folgen.

Haut rein, schreibt mir was!