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Beep – Beep – Beeeeeeeep – Todeslinientag

Hier geht es ja ab und an schon kulturpessimistisch zu, dass muss ich ja zugeben. Vielleicht lebe ich wirklich in einer Art Verklärung, in einer Erinnerungsblase an die 80er und 90er Jahre als der Fußball zwar langsam schon seine Unschuld verlor aber immer noch Jungfrau war. Ich rede mir zwar ein, dass diese Sicht der Dinge, dass alles den Bach runter geht, dass alles keinen Sinn mehr hat, eher aus der tiefen Liebe zum Spiel kommt und dass ich es verteidigen möchte, dass ich es schützen möchte vor der dunklen Seite und dass ich den Kampf gegen die Windmühlen einfach gar nicht aufgeben kann, weil der Fußball es ja eigentlich immer noch verdient hat, dass man um ihn kämpft aber -und jetzt kommt das große aber- langsam geht mit die Fantasie aus, wie man Wettbewerbsfußball, jedenfalls auf höchstem Niveau, noch schönreden kann. Ich merke es wirklich Tag für Tag an mir selber: Außer dem 1.FC Köln interessiert mich der ganze Rotz nicht mehr. Es ist nicht mehr da, dieses Hecheln nach rollenden Bällen, egal wer da spielt. Es ist mittlerweile sogar so weit gekommen, dass ich Bundesligaspiele gar nicht mehr anmache, obwohl ich zu Hause bin und die Möglichkeit dazu habe. Bin ich wirklich schon jemand „de cuyo nombre no quiero acordarme“ (Anscheinend Blödsinn, s. Kommentare) der in der Vergangenheit lebt?  Ich befürchte es.

Doch woher kommt denn das? Die Krankheit hat viele Geschwüre und jedes wird Tag für Tag größer.

Das Glück der Taugenichtse

Heute ist Transferfensterzumachtag. Als ich gestern las, dass der HSV Douglas Santos von Mineiro aus Brasilien holt, ist wieder ein kleines Stückchen Hoffnung in mir gestorben, denn, der HSV macht es mit Kühne als Gönner vor, der Wettbewerb in der Bundesliga ist nicht mehr als fairer Wettbewerb zu erkennen. Überall werden die Regeln getreckt, gebeugt, offen gebrochen und verhöhnt. Der HSV hat aktuell ein Transferminus von roundabout 35 Millionen Euro. 35 Millionen Euro! Das muss man sich mal vorstellen. Welche Rolle spielen eigentlich noch Bilanzen oder Geschäftsberichte für die Liga, wenn die Liquidität schon allein durch Bürgschaften oder Absichtserklärungen eines Einzelnen sichergestellt ist? Warum soll überhaupt wirtschaftlich gehandelt werden, wenn eh alles egal ist? Kühne gibt das Geld, der HSV kauft ein, die Anteile Kühnes werden aufgestockt und bummsfallera sind alle glücklich. Dass der HSV mittlerweile in einer Liga mit Hoffenheim und Red Bull spielt ist, glaube ich, unumstritten. Das einzige was sie noch von diesen “Vereinen” abgrenzt ist der bornierte Blick der eigenen Anhänger auf die Vergangenheit und Lotto King Karl. Herzlichen Glückwunsch. Diese Entwicklung beim HSV tut mir umso mehr weh, weil ich eigentlich immer große Sympathien für die Rothosen hegte, doch damit ist es leider vorbei. Jetzt verstehe ich natürlich dass das niemanden der HSV-Fans stören wird, wenn ein verwirrter Kölner ihnen mit Liebesentzug droht, umgekehrt wäre es mir auch reichlich egal, aber die Krux ist doch, dass mit dem HSV ein Verein den Weg zum Todesstern antritt, der damit seine natürliche Umgebung, seine alten Weggefährten von hinten in den Rücken sticht. Der HSV war einer dieser Clubs, zusammen mit z.B. Frankfurt, Stuttgart oder Köln, die einfach in die Liga gehörten, weil sie schon immer da waren, weil sie die Menschen bewegten und weil man über sie sprechen konnte. Weil man mit Herz bei der Sache war und lachen, weinen, fluchen und jubeln konnte. Und jetzt?

Lieber HSV: Hoffentlich verreckst Du an Deinen Scheinen. Solange Bruno Labbadia da die Zügel in der Hand hält bin ich ja sogar noch ganz zuversichtlich, dass es keinen Deut besser wird. Ein Abstieg wäre wunderbar und hochverdient. Im Winter noch schön 100 Millionen in den Sand setzen und dennoch nichts auf die Kette kriegen. Träumchen.

Das wirklich schlimme ist: Die HSV-Fans mit denen ich mich ab und an über soziale Medien unterhalte raffen diese Abneigung noch nicht mal. Es kommen die ewig gleichen Argumentationsketten. Andere machen das doch auch, der HSV geht mit der Zeit, guck mal nach Schalke mit Gazprom oder nach Hoffenheim oder nach Leipzig. Jaja, das stimmt ja alles. Ich widerspreche gar nicht. Auch darüber dass es wettbewerbstechnisch vollkommen sinnig ist, kann man nur schwerlich streiten. Aber darum geht es ja. Es ist mittlerweile in der Liga vollkommen egal ob man jetzt nach Hoffenheim geht oder nach Hamburg. Die Seelenlosigkeit ist die gleiche, denn ob jetzt Hopp sagt, dass er dem Fußball in der Region auf de Sprünge helfen will oder ob Kühne sagt, dass er in Hamburg endlich wieder Real Madrid spielen sehen will ist qualitativ kein Unterschied. Der Liga scheint eh alles komplett egal zu sein, Hauptsache man kann sich formell schön mit 50+1 schmücken und die Gehälter werden gezahlt. Für alles andere gibt es Mastercard.

Kein Mensch redet in Hamburg mehr vom April 2014 oder dem November 2015 als man de facto zahlungsunfähig war. Als KMK in letzter Minute einsprang um den HSV wirklich und wahrhaftig zu retten. Das waren Rot-Weiß-Essen-Zustände in der Sylvesterallee. Jetzt ist Kostic da und Halilovic und Santos und Wood und und und. Wer guckt denn da noch auf die Kohle?

Es ist nichts mehr geblieben von irgendeiner Emotion außer tiefe Verachtung für die Arroganz mit der dem Rest der “normalen” Liga die kalte Schulter gezeigt wird. Schaut her, wir haben Kühne, der gibt uns soviel Geld wie wir wollen und dann holen wir halt Spieler über Spieler. Bezahlen wir alles aus der Portokasse. Hah! Europapokal!

Der HSV wird nicht der letzte Club sein, der sich auf Gedeih und Verderb ausliefern wird um den sportlichen Erfolg einzukaufen. Und natürlich wird dieser sich auch über kurz oder lang einstellen, denn Geld schießt Tore, das ist ja gar keine Frage. Aber interessiert mich das dann noch? Will ich das noch sehen? Ich glaube nicht.

Und dann habe ich noch nicht mal ein Wort über die “echten” Plastikclubs gesagt. Will ich überhaupt über Red Bull schreiben? Über Leverkusen und Wolfsburg? Über Hoffenheim, Ingolstadt? Nein, eigentlich nicht. Sollen sie halt machen.

Die Langeweile

Ernsthaft, gibt es noch jemanden, der die Liga guckt weil sie spannend ist? Weil man nicht weiß wer Meister wird? Bayern schwebt so sehr über allem, dass niemand damit rechnet in den nächsten 10 Jahren einen anderen Meister zu sehen. Das ist das eine. Das andere: Ich gucke mir doch nicht Hertha gegen Freiburg an. Oder Hoffenheim gegen Leipzig. Da regt sich in mir nichts. Da gucke ich hundert mal lieber Braunschweig gegen Bochum oder von mir aus Stuttgart gegen Düsseldorf. Ich kann mir ernsthaft niemanden aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis vorstellen, der sich Sonntagmittag hinsetzt und sagt: “Geil, gleich Hertha gegen Freiburg”. Ich behaupte einfach mal dass solche Menschen nicht existieren. Und so zieht das immer weitere Kreise. Frankfurt gegen Schalke? Ja jut aber letztlich richtig interessiert bin ich nicht. Bayern gegen Bremen? Mal gucken wie hoch die Bremer verlieren, dann sofort wieder vergessen dass das Spiel überhaupt stattgefunden hat. Ich versuche gerade ohne nachzuschauen mich zu erinnern welche Spiele am Wochenende stattgefunden haben und bis auf die aufgezählten und den effzeh fällt mir das sehr schwer. Gegen wen hat Dortmund gespielt? Ahja, Mainz, richtig. 2:0 oder 2:1? Egal. Und Wolfsburg? Keine Ahnung, sie haben auf jeden Fall gewonnen.

Wir haben da vorgestern bei drei90 drüber gesprochen. Es war schon die letzten Jahr mehr oder weniger ein Grundrauschen, wenn der eigene Verein nicht involviert war und selbst das wird immer schwächer. Die Bundesliga ist so unattraktiv geworden, dass ich als Fan schon nicht mehr Alle Spiele Alle Tore gucke, weil es mich einfach nicht mehr interessiert. Ich gucke seit 34 Jahren mehr oder weniger intensiv Fußball, sei es im Stadion oder vor dem TV, ich habe mich damals in Nick Hornby wiedergefunden der (sinngemäß) schrieb: Ich kann mir jedes Fußballspiel zu jeder Zeit an jedem Ort anschauen, es spielt keine Rolle ob vor 90.000 Zuschauern Europapokal oder von 10 Sunday League. Ja, das war so. Heute gucke ich tatsächlich lieber Kreisklasse als Champions League, denn seid mal ehrlich zu euch selbst: Wen interessiert denn Real gegen Juve noch?

Ich glaube ich habe noch nie einen traurigeren Satz zum Fußball geschrieben.

Die Mannschaft, die FIFA und die Gier

Gerade sind wir wieder im Bundesliga-Modus, da kommt schon wieder die bescheuerte Nationalmannschaft um die Ecke mit einem Testspiel gegen Finnland. In Gladbach. Wer -zur Hölle- guckt sich das an und gibt dafür sogar noch Geld aus um ins Stadion zu gehen? Was sind das für Kreaturen? Ernsthaft, wenn Jogi Löw sagt, “ist doch auch spannend, wenn ich junge Spieler einsetze” dann spricht er damit eine Klientel an, die eine unfassbar kleine Deckungsgleichheit mit den “Fans” der Nationalmannschaft haben dürfte. Als ob er sich da jemand ins Stadion setzt, mit bemalten Wangen und drölfig schwarz-rot-goldenen Devotionalien und eine taktische und spielerische Entwicklung junger Nachwuchsspieler beobachten will. Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Da sitzen Leute die aus irgendeinem Grund Spaß an der Nationalmannschaft haben, die das Event schätzen und anfangen zu murren, wenn es nach 20 Minuten nicht 3:0 gegen eine skandinavische No-Name-Truppe steht. Ist ja auch in Ordnung so aber -HERRGOTT- dann erzählt doch bitte nicht so einen Müll.

Nee, der DFB hat mich abseits der Turniere schon lange verloren. Natürlich läuft auch das manchmal noch im Hintergrund. Dann setz ich mich an den Schreibtisch und versuche Apple zu beschwören itunes nicht ganz so kompliziert zu gestalten und im Hintergund schwadronieren Tom Bartels oder Steffen Simon durch die Gegend. Klar, kann durchaus passieren aber dann ist mir auch langweilig. Einen ernsthaften Grund, eine Vorfreude auf ein Spiel der Nationalmannschaft gibt es nicht.

Es herrscht völlige Übersättigung, die Spirale wurde zu weit gedreht. Oliver Bierhoff hat es übertrieben. Und dann ist auf einmal das Stadion halb leer, weil ich anscheinend nicht alleine bin mit meinem Desinteresse. Ich empfinde fast schon Wut, dass mir der Liga-Fußball nach nur einer Woche wieder weggenommen wird um Nationalmannschaftsspiele durchzubolzen auch wenn der DFB da nicht Schuld ist. Mir doch egal.

Um noch einmal auf Nick Hornby zu sprechen zu kommen, mein Lieblingszitat aus Fever Pitch ist der erste Satz des ersten Kapitels:
Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.
Bis vor kurzem habe ich diesen Satz alleine auf meine Liebe zum effzeh verbunden. Diese endlosen Jahre, die Abstiege, das Scheitern, die Verzweiflung über verpasste Chancen. Mittlerweile ist dieser Satz bei mir auf das Spiel als solches ausgeweitet. Der Fußball geht kaputt und es tut mir in der Seele weh aber ich kann es nicht mehr ignorieren.

Ich bin noch nicht soweit den effzeh aufzugeben. Ich will noch einmal mit dem Verein jubeln können. Nur einmal noch. Ich rede nicht von einer Meisterschaft, das wird leider nicht mehr passieren aber vielleicht in meiner Lebzeit noch einmal eine Qualifikation für Europa? Mit ganz viel Glück vielleicht noch einmal ein DFB-Pokal? Ach, wär das schön. Ich glaube dann könnte ich loslassen. Dann könnte ich dem Fußball den Rücken kehren und ihn den Leuten überlassen, die jetzt mit ihm aufwachsen, die ihn nicht anders kennen oder denen es einfach egal ist. Es würde die Sache rund machen.

Es ist jetzt 15:40 Uhr und die Ticker melden dass Max Meyer für 45 Millionen nach England wechselt und Red Bull nach Kyriakos Papadopoulos noch Bruma von Galatasaray holt. Was sind schon 15 Millionen hier und 15 Millionen da? Ob jetzt Burke oder Bruma. Rangnick hat eben eine tolle Philosophie, ein tolles Konzept und Red Bull will den jungen Männern doch nur Träume erfüllen. Macht riesigen Spaß!

Siehste.

Einmal noch, effzeh. Lass uns noch ein letztes Mal zusammen feiern. Und dann kann ich hoffentlich endlich schreiben:

Mach’s gut, Fuppes. Ob ich Dich vermissen werde? Keine Ahnung.

11 comments to Beep – Beep – Beeeeeeeep – Todeslinientag

  • Gast

    Danke Axel, bin ich sehr bei dir beim Thema. Alles stromlinienförmig und austauschbar geworden, am Ende ist es auch wumpe. Wahrscheinlich das Schlimmste, wenn einem etwas “egal” wird. Aber so kommts, nicht mal mehr den Bock oder die Lust auf Antipathie.
    Dann lieber ein, zwei Bier am Spielfeldplatz auf dem Ascheplatz ums Eck, oder auf dem Acker zwischen den Feldern und Maulwurfshügeln.

    (In England feiern sie das Knacken der Milliardengrenze bei Transfersummen im Sommertransferfenster, als wären sie beim Spendenmarathon kurz vor Weihnachten. Absurd.)

  • foundinnippes

    Man stelle sich die Eskalation vor wenn der effzeh auch noch Geld für Rudnevs bezahlt hätte ….

  • 2#effzeh4u

    Ich schreib Dir nicht “was”, sondern ich unterschreib einfach.

    *untertschreib*

  • hanspeter buxbaum

    du guckst doch auch amerikan football!! noch fragen?

  • @hanspeter: Aber doch nicht mit der gleichen Leidenschaft wie Fußball. AF ist ein Produkt das mich unterhält. Das weiß ich doch vorher.

  • Frankie1910

    Lieber Axel!
    Kleine Anmerkung zu dem immer gerne benutzten Vergleich mit Schalke 04 in Bezug auf Investoren: sollte Gazprom mal weg sein traue ich es denen durchaus zu, im Bereich Sponsoren adäquaten Ersatz zu finden. Stirbt dem hsv Kühne weg können die nur auf das große Erbe hoffen, wenn Mateschitz keine Lust mehr auf Leipzig hat ist der Laden zu. Was ich sagen will, der Unterschied zwischen Sponsoren und Investoren/Eigentümern ist ein eklatanter, leider verdrängen den viele immer wieder.
    Was ich dir persönlich wünsche ist ein Pokalsieg mit dem glorreichen FC und eine attraktive Amateurliga in deiner Region. Empfehlen kann ich im übrigen die A oder B Jugendbundesliga, die unterhält mich hier schon seit Jahren mit fantastischen Spielen.
    In diesem Sinne
    Gruß vom Millerntor
    Frank

  • joot

    Eigentlich ein guter Kommentar, aber hast du dich mit dem Cervantes-Zitat nicht vertan? Du willst sagen, daß du dir wie Don Quijote vorkommst, aber Cervantes meint mit dem Namen “de que no quiere acordarse” (an den er sich nicht erinnern will) nicht den des Titelhelden, sondern den von dessen Geburts- oder Wirkungsort.
    Trotzdem: gut geschrieben. Mir bleibt die Hoffnung, daß Artjoms Rudnevs, der deren Ansprüchen nicht mehr genügte, den Hamburgern bei unserem nächsten Aufeinandertreffen ein Tor einschenkt.

  • @joot: ich habe das tatsächlich auf ihn bezogen und es so verstanden dass der Ausruck in Spanien für einen “Vergessenen” bzw. Träumer benutzt wird. Aber wenn Du das so sagst, wird das schon stimmen. Mein Spanisch beschränkt sich auch eigentlich auf “Dos Cervezas por favor”…

  • Thomas Kranzler (Claylob)

    Hallo Axel,
    nach dem Lesen des Beitrages stelle ich mir ernsthaft die Frage: Warum magst Du eigentlich Baseball, bzw. die MLB?
    Das soll jetzt nicht provokant oder so klingen, aber herrschen dort nicht genau die Zustände, die Du bei der Bundesliga anprangerst, bzw. fürchtest?

    Ich habe in meinem Leben drei Baseballspiele Live gesehen: 2000 in Chicago die Cups (noch mit Sammy Sosa), 2001 die Giants in San Francisco und 2009 die Blue Jays in Toronto. Das lief -mal abgesehen von dem coolen Song bei den Cups- alles gleich ab:
    Eine bis ins letzte kommerzialisierte Riesenshow: Spielerkartentausch schon Stunden vor dem Spiel, die Leute gehen mit Ihren Familien hin, schauen das Spiel so nebenbei, holen sich zwischendurch Hot Dogs und Gedöns…Kommerz ohne Ende. “Ultras” oder so konnte ich da jetzt nicht ausmachen. Ein Happening für alle halt…

    Also sind das doch genau die Zustände, die immer (auch von Dir) als zukünftiger “Untergang des Fußballabendlandes” befürchtet werden oder?
    Ich will das gar nicht werten, aber genau vor so Zuständen haben ja die “richtigen” Fußball-Fans, also die aus der Kurve, die den ganzen Schnick-Schnack ja nicht brauchen und am liebsten Fußball “pur” hätten, so Angst. “Unsere Fußballkultur geht kaputt” und so weiter…

    Und was die Vereine angeht. Gehören die da drüben nicht oftmals irgendwelchen Privatpersonen, die Geld reinbuttern, wie es Ihnen beliebt? Und im Notfall zieht man mit seinem Verein halt in eine andere Stadt? Ok, vielleicht habe ich “Major League” schon zu oft gesehen, aber vom Prinzip her ist das da so, oder?

    Wie gesagt: Ich will Dich nicht provozieren. Ich kann die Gedanken über die Kommerzialisierung, das Fallen der 50+1 Regel etc. sehr gut nachvollziehen (und teilen). Ich finde es halt einfach nur interessant, dass Du Baseball-Fan bist.

    Vielleicht sehe ich das auch vollkommen falsch und die Hintergründe sind beim Baseball andere?
    Auf Deine Antwort bin ich schon sehr gespannt. Gerne auch mal wieder beim Kölsch auf dem tkss oder tk4711 oder sonstwo.

    Beste Grüße aus Bonn

    Thomas
    (Claylob)

  • Hallo Thomas! Ich bin zum Baseball gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde. Unerwartet und unvorbereitet. Freitagsnachts nach Hause gekommen, noch keine Lust ins Bett zu gehen, durch das TV gezappt und bei einem Spiel hängen geblieben. Das wurde dann irgendwann zum Freitagsnachtsritual ohne festes Team, ohne Emotionen. Nach der 2003er Saison habe ich mich dann in die Red Sox (und in alles was mit Boston zu tun hat) verliebt und wurde so zum “Fan”. Man beschäftigt sich mit den Regeln, lernt die Feinheiten des Spiels, die Geschichte(n) und die Spieler kennen und irgendwann ist es eben der Sport Nr. 2 neben dem Fussball, der mir etwas bedeutet. Aber deswegen kann ich das noch lange nicht vergleichen.

    Ich mag ja auch Football, weiß aber dass ich mich im US-Profisport auf etwas anderes einlasse. Ich sehe sowohl Baseball (etwas weniger) als auch Football (etwas mehr) als Event, als etwas, das ich mag, dass mich aber nicht abseits des eigentlichen Spiels nicht wirklich bewegt. Durch den Just Baseball-Podcast bin ich natürlich etwas tiefer im Thema Baseball drin aber dennoch löst eine Meisterschaft der Boston Red Sox nicht das gleiche in mir aus als, sagen wir mal, ein Meistertitel des effzeh. Natürlich freu ich mich aber ich glaube Du kannst Dir in etwa vorstellen, wie ich mich aufführen würde, wenn der effzeh die Schale bekommen würde. Das ist dann doch kein Vergleich.

    Letztlich ist es so: Im US-Sport gibt es nicht die Heuchlerei, die aktuell im (deutschen) Fußball so Überhand nimmt. Man weiß ganz genau was man bekommt. Es ist alles Geschäft und da wird auch nicht drum herum geredet. In Deutschland rühmt man sich mit seiner Bodenständigkeit und 50+1 und lässt dennoch Red Bull, Bayer, Hopp, Volkswagen und Kühe agieren und regieren, wie sie lustig sind. Aber wehe Sandhausen machte einen Fehler in der Bilanz, das muss sofort untersucht werden. Komisch dass der BVB ungeschoren davon kam. Naja, gut, die sind ja systemrelevant.

    Man kann den US-Sport für seinen Turbokapitalismus hassen, man aber auch pragmatisch sehen und sagen: Es ist ehrlicher als alles was im Fußball passiert, es ist ein Produkt, wer will es auch nicht sein, es verkauft sich wunderbar, es unterhält mich und es ist hundert Mal spannender als der europäische Vereinsfußball, weil die Besitzer in der Staaten wissen, dass Abstumpfung und Langeweile tödlich für das Geschäft sind. So ist der Draft eine Möglichkeit den schlechten Teams gute Spieler zu zu lotsen für diese geschlossenen System ein Segen. Ein Team wie Bremen, Frankfurt, Köln, Stuttgart könnte innerhalb vorn vier, fünf Jahren mit klugen Management so weit sein,um den Meistertitel mit zu spielen (bestes Beispiel: Die Cubs). Etwas das hierzulande systemtechnisch ausgeschlossen ist.

    Klar ist das im Fußball nicht 1:1 umsetzbar aber die Chancengleichheit (natürlich gibt es gesunde und kranke Teams, das ist ja keine Frage) ist eine völlig andere und macht es den Sport deswegen weniger guckbar, weil man weiß dass da ein Owner hinter steht? Nö. Genauso die Salery Caps in den Staaten. schau Dir mal im Vergleich das lächerliche Financial Fair Play im Fussball an. Ist zwar auch nicht 1:1 zu vergleichen, weil es letztlich zwei unterschiedliche Dinge betrifft aber näher dran komme ich nicht. Der Fußball will die Vermarktungsmöglichkeiten der NFL und bleibt in seiner eigenen Scheinwelt gefangen. Und geht deshalb kaputt.

    Es herrscht doch sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Bühne völliger Stillstand. Und wenn die UEFA meint es ist eine gute Idee dass Bayern, Real, Barca, Juve, Inter, Arsenal, United und wie sie alle heißen die einzigen Teams sind, die interessieren, dann ist das eben das Ende vom Lied, weil sich die Leute langsam aber sicher langweilen. Du möchtest ja auch nicht jeden Tag das wunderbarste Steak der Welt essen, oder? Am Anfang denkt man sich: Geil, das beste Stück Fleisch und ich bekomme es jeden Tag. Kann es besser werden? Nach einer Woche guckst Du schon mal heimlich auf den Salat am Nebentisch und nach einem Monat hasst Du Kühe. Eigentlich ist das recht simpel.

    Und der Fußball ist eben -anders als Baseball oder Football- etwas, was mich nachhaltig bewegt, was mich mit meinen Freunden aus dem “echten Leben” verbindet, was mich wahnsinnig machen kann und uferlos glücklich. Wo ich mich stundenlang drüber aufregen kann oder fantastische Abende in der Kneipe hatte, weil der effzeh ein Spiel gegen Erzgebirge Aue drehen konnte. Weil es ein Teil meines Lebens ist. Da wird Baseball nie hinkommen.

    Äpfel und Birnen.

Haut rein, schreibt mir was!