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FC – Freiburg: Kopfsache

Wie sehr der Fußball auch ein mentales Spiel sein kann, nicht wahr? 38 Minuten, die wie Balsam für die geschundene FC-Seele wirkten. 38 Minuten, die uns wieder an das Gute glauben lassen wollten. 38 Minuten, die auch der Mannschaft gut taten. Dann wird ein komischer Freistoß gepfiffen, Guirassy rutscht aus, Petersen knallt das Ding unter die Latte und auf einmal ist der Schalter wieder auf Aus umgestellt. Wo vorher fast jeder Zweikampf gewonnen wurde, wo man immer schneller als der SC am Ball war, ist jetzt wieder Angst essen Seele auf angesagt. Man zögert im Zuspiel, statt wie zu Beginn sein Heil mit schnellen Pässen zu versuchen. Man versucht nur noch Fußball zu verhindern, statt Fußball zu spielen. Man überlegt einmal zu oft, man kann die Verunsicherung spüren, fast greifen.

Ich kann das nachvollziehen. Man wird die ganze Saison getreten, nichts geht, man verliert gegen Kirmestruppen und auf einmal schießt man in einer halben Stunde drei Tore im Kampf gegen einen direkten Konkurrenten und plötzlich fällt das Gegentor. Natürlich kommst du da ins Grübeln. Aber, das ist die Krux, die Zeit hast du in der Bundesliga nicht. Plötzlich wird jeder Fehler ausgenutzt, die Beine werden schwer und fangen an zu zittern. Dann fängst du dir wieder nach einer Standard-Situation das 3:2, es spielt nur noch Freiburg, die letzten Minuten werden zu Stunden und dann geht Özcan im Straufraum runter, keiner weiß warum, es gibt Elfmeter es steht 3:3 und es ist wieder finster.

Was Guirassy dann im Kopf rumging als er in der Nachspielzeit im Strafraum den Ball raus boxen wollte, ist vielleicht ein gutes Thema für eine psychologische Doktorarbeit, ich will es auf der anderen Seite auch gar nicht wissen. Innerhalb von 4 Minuten fängt sich der effzeh den zweiten Elfmeter, wir geben ein 3:0 zu Hause gegen Freiburg aus der Hand. Letztlich ist das fast egal, denn auch der eine Punkt wäre natürlich zu wenig gewesen. Da kannste dann auch verlieren um die Sache rund zu machen.

Es tut schon weh. Was will man da noch groß sagen? Was soll noch bleiben außer tiefer Fassungslosigkeit?

Das Spiel zeigt den Mangel an Qualität bei uns wunderbar auf. Nach einem Gegentor ist nichts mehr an mentaler Kraft vorhanden und da wir von reiner Fußball-Qualität völlig unterlegen sind, reicht es eben gegen keinen Gegner in der Liga.

Wenigstens wissen wir jetzt, dass wir abgestiegen sind, es kann schon im Winter mit der Planung für die zweite Liga begonnen werden, die jungen Spieler können mehr Einsatzzeit bekommen um Wettkampfpraxis zu erhalten, der neue Trainer weiß worauf er sich einlässt und das kann für das nächste Jahr ein enormer Wettbewerbsvorteil gegenüber, sagen wir mal, Sandhausen oder Heidenheim sein. Herzlichen Glückwunsch.

Eine positive Sache noch: Die Kurve schien nicht sonderlich gespalten, es gab durchgehenden Support. Vielleicht, wie gehofft, ein erster kleiner Schritt Richtung Normalität.

Achja, und zu Peter Stöger: Ich kann die Aufregung überhaupt nicht verstehen. Habt ihr geglaubt, dass er arbeitslos bleibt? Mein Tipp ist, dass nach dem 4:4 des BVB gegen Schalke bei Stöger das Telefon geklingelt hat, die Entscheidung in Dortmund schon feststand, dann Stöger unter Woche eine klare Aussage des Vorstand einforderte, diese ausblieb und man sich dann auf Trennung geeinigt hat. Jetzt braucht der BVB nur noch eine Niederlage um es gut verkaufen zu können. Da war vorher schon alles niet- und nagelfest aber warum man sich darüber aufregt ist mir schleierhaft. Andererseits ist es mir fast egal. Regt euch halt auf, ich tu es nicht.

Also, lieber Vorstand, es wird Euch schwer fallen zu glauben aber das habt ihr schön in den Sand gesetzt. Die zweite Liga ist spätestens seit heute bittere Realität. Es gilt nun die Trümmer aufzuräumen und den Verein nicht ganz gegen die Wand zu fahren. Planung für die zweite Liga ab sofort.

Irgendwie ist die Niederlage fast befreiend, weil nun wirklich kein Mensch mehr rechnen oder träumen sollte.

Es nützt ja nichts, ich werde dem Verein nie etwas schlechtes wünschen. Es werden wieder bessere Zeiten kommen.

Effzit

Wie fasst man das alles zusammen? Womit soll man anfangen? Wie bringe ich meine Gedanken und (ja, tatsächlich) Gefühle gegenüber dem Erlebten in einen einigermaßen stringenten Text? Ich bin zerrissen zwischen großem Spaß und großem Hass. Ich versuche mein bestes…

First of all: Belgrad war ein toller Gastgeber. Stadt, Menschen, Kneipen, Restaurants, alles super. Die Leute, mit denen wir abseits des Stadions zu tun hatten, waren ausnahmslos tiefenentspannt, nett, hilfsbereit, höflich und teilweise lustig. Das fing schon mit unserem Taxifahrer vom Flughafen zum Hotel an, der uns unbedingt eine Kneipe empfehlen wollte, sich aber nicht mehr an den Namen erinnern konnte und dann, nach ein bisschen Gefluche über sein schlechtes Gedächtnis, einen Kumpel anrief um den Namen rauszukriegen. War schon mal nett. Leider hat er uns nicht gezeigt, wo das Ding ist, so dass wir dennoch recht hilflos waren aber bei unserem ersten Spaziergang durch die City haben wir einfach zwei Polizisten angequatscht, die sich dann wortreich berieten, wie sie uns am besten den Weg erklären sollten. Nach ca. 5 Minuten ist dann Freund Christoph auf die grandiose Idee gekommen ihnen einfach mal unsere Touristen-Karte zu zeigen. Die Blicke danach waren pures Gold. Wir waren halt auch aufgeregt…

Nee, ernsthaft, wir hatten nirgendwo Probleme. Überall wurden wir mit offenen Armen empfangen, es kam uns auch nicht so vor, als würden für uns andere Preise gelten, als für die Einheimischen, die Menschen gaben sich Mühe mit Englisch und Deutsch auszuhelfen und auch die Tatsache, dass viele, viele FC-Fans die Warnungen nicht unbedingt vollverkleidet in die Stadt einzureisen, ignorierten, hat anscheinend nicht für sonderliche Probleme gesorgt. Wir haben jedenfalls nichts mitbekommen. Die einzige Ausnahme in dieser Eloge an Belgrad bildete, der Taxifahrer, der uns in der Nacht vom Stadion zurück ins Hotel fuhr und dabei (mit Taxamaeter an!) den 10fachen Preis berechnete, weil es ja der Nachttarif sei. Dies wurde dann am nächsten Tag aufgeklärt, als uns ein weiterer Taxifahrer erklärte: “This is no normal. Nightfare is about 7 Euro, not 30. This was a thief”. Ja. hamma uns auch schon gedacht aber es war uns in den Moment egal. Hauptsache weg. Aber dazu später mehr.

Ich will jetzt auch keinen wirklichen Reisebericht schreiben, das können andere besser, es soll nur gesagt werden: Nette Stadt, schlimme Strassen, keine Metro, Verkehr völlig wahnsinnig aber falls ihr mal in der Gegend seid, ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Belgrad, du warst gut zu uns, vielleicht sehen wir uns ja mal in einem anderen Kontext wieder. Хвала! Довиђења!

Und damit dann zum Fußball. Dem einzigen Störenfried der Tour.

Was haben wir im Vorlauf nicht alles gehört. Keine Farben, keine Gesänge, sonst gibts aufs Maul. Polizei ist scharf. Aufpassen. Okay. Haben wir gemacht. Mit dem Taxi zum Stadion, Taxi kommt nicht ans Stadion, Taxi lässt uns mitten im serbischen Mob raus. Wir waren zum Glück neutral gekleidet, so dass niemand unmittelbar auf uns aufmerksam wurde, sind dann stumm den Weg zum Stadion gelaufen und konnten erst wieder einigermaßen entspannt werden, als wir hinter der Absperrung der Polizei waren. Ich will gar nicht sagen, dass unbedingt etwas passiert wäre aber ein mulmiges Gefühl war es schon, das sag ich euch.

Die Einlasskontrollen waren dann wie angekündigt super scharf, es durfte nichts, absolut nichts mit ins Stadion genommen werden. Ich hab mal spekuliert und hatte eine Powerbank dabei, eigentlich war mir auch klar, dass ich die wahrscheinlich abschreiben kann aber ich wollte ein geladenes Telefon haben. Natürlich ist das als Wurfgeschoss eingestuft worden und wurde konfisziert. Kann ich sogar verstehen, es wurde ja vorher klar kommuniziert, dass das so sein würde. Naja. Ansonsten halt das, was man als Besucher einer Fußballspiels mittlerweile als fast normal empfinden muss. Teilweise unwürdige Abtast-Methoden, Schuhe ausziehen, Mütze abnehmen, alle Gegenstände raus. Vor uns musste ein Mann seine Kamera abgeben. Seine Kamera! Gelbörsen mussten geöffnet werden um Kleingeld abzugeben, Feuerzeuge, sogar Streichhölzer und Kaugummis (KAUGUMMIS!!!) wurden abgenommen. Das alles unter Aufsicht des grimmig dreinschauenden serbischen Staatsbeamten. Ja, man musste damit rechnen, es ist dennoch komisch.

Nachdem der Einlass gewährt wurde, die nächste Überraschung: Unser ursprünglich über Roter Stern gebuchter Block war komplett gesperrt, alle, wirklich alle Kölner sollten in den Gästeblock, der schon anderthalb Stunden vor dem Spiel aus allen Nähten platzte. Wir versuchten nach unten zu kommen, wurden aber von wieder nach oben kommenden Leuten zurück gedrängt, alles sei voll, man wüsste nicht mehr weiter. Nach links ging auch gar nichts, weil man sich keinen Zentimeter bewegen konnte. Wir standen dann zu zweit auf einem Platz. Einer auf em Sitz, einer auf dem Boden. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Hunderte Fans standen noch draußen und von oben wurde immer weiter nachgeschoben. Es hat vielleicht zehn Minuten gedauert, da hatten wir den ersten Nervenzusammenbruch direkt neben uns, als eine Frau in Tränen zusammenbrach und von den umstehenden aufgefangen werden musste. Diese Zustände waren unhaltbar. Irgendwann kam der Schell und versuchte die Leute zum durchgehen zu animieren, weil unten und links noch Platz sei aber es ging einfach gar nichts.

Nach endlosen Minuten wurde dann doch noch der zweite Block geöffnet, so dass wenigstens die neu von draußen kommenden Fans dort hinein gehen konnten. Unser Block (jedenfalls der Teil, den ich beurteilen kann) hätte auch genau Niemanden mehr vertragen. Das war viel zu spät und – man muss es so klar sagen – eine völlig unnötige Maßnahme, die mit ein wenig Pech auch anders als glimpflich ausgehen kann. Das sage ich in dem vollem Bewusstsein, dass mich das eher nicht trifft, weil ich groß und dick stark bin aber ich stehe da ja nicht alleine rum.

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Der serbischen Polizei möchte ich gar nicht ans Bein pinkeln. Natürlich sahen sie einigermaßen martialisch aus und es gab auch keinen Grund an ihrer Entschlossenheit im Fall eines Falls zu zweifeln aber insgesamt war die Polizei noch einigermaßen lässig. Man möge sich bitte vorstellen, wie der deutsche Freund und Helfer durch den Block gewalzt wäre, wenn die Eskalation so in einem deutschen Stadion stattgefunden hätte. Wir säßen wahrscheinlich jetzt noch allesamt im Knast. So gab es (zumindest ist das mein Kenntnissstand) drei Festnahmen, von Typen die unmaskiert rausgerissene Sitzschalen auf die Polizei warfen. [Update: Falsch. So nicht passiert.] So bescheuert musste halt auch erst mal sein. Auch bei den später folgenden Strassensperren waren die eigentlich recht locker aber sie haben ihr Konzept halt eisern durchgezogen. Ist okay, wussten wir vorher, aber es gab keine unnötige Gewalt.
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Die Stimmung bei uns in der Ecke war durch die Überfüllung schon vorher nicht gut und als dann das Spiel losging und die erste Rakete Richtung Spielfeld, Mannschaft und Einlaufkind flog, war alles vorbei und das sicher nicht nur bei uns, sondern wie man feststellen musste, im gesamten Block exklusive der ersten zehn Reihen. Als später eine weitere Leuchtspur in den voll besetzten Nachbarblock geschossen wurde, eskalierte die Anti-Stimmung gegenüber den Ultras zum ersten Mal und als dies wiederholt wurde, war alles vorbei. “Scheiß Wilde Horde” und “Wir sind Kölner und ihr nicht!” schallte es den Ultras entgegen. Der Kölner Block sorgte für eine klare Stellungnahme gegenüber diesem Wahnsinn.

Um es ganz klar zu sagen: Wer Leuchtspuren in eine Menschenmenge schießt, ist entweder geisteskrank oder bewusst bösartig. Bei aller Sympathie für stimmungsunterstützende Pyros, hier wurde eine Grenze überschritten, die ich nicht bereit bin zu tolerieren. Das wird jetzt dem Typen, der da geschossen hat, recht egal sein, aber ich will es dennoch für mich klar stellen. Wer bewusst die Gesundheit anderer Menschen gefährdet, der macht das nicht aus einem Fantum heraus, sondern aus einer Haltung, die mir komplett fremd ist. Das ist auch nicht mit irgendeine Hooligan-Folklore zu erklären, denn wer sich sowas damals erlaubt hätte, der wäre sofort wieder nach Hause gefahren worden. Und nicht im eigenen Auto.

Ihr gottverdammten Arschlöcher, wir sind mit 5.000+ Leuten in Belgrad, wir zeigen trotz desaströser Saison unglaubliche Präsenz, 1.500 km von zu Hause entfernt, wir freuen uns wie bescheuert auf diesen Abend, wir werden so ein Erlebnis vielleicht nie wieder haben und ihr kleinen Pimmel macht mit dieser Aktion alles, wirklich alles kaputt. Gerade jetzt ist es wichtig wie nie, dass wir uns alle als der 1.FC Köln präsentieren. Wir haben eine unendliche schwere Zeit vor uns, wir werden absteigen, wir haben ein wildgewordenes Präsidium abzusetzen und wir müssen uns darüber im klaren sein, dass der 1.FC Köln immer mehr sein wird als ein Trainer und ein Spieler, so schwer uns dies auch im Moment fällt. Und was macht ihr? Ihr sorgt mit dieser “wir scheißen auf alles”-Attitüde für einen Graben zwischen den Fans, der so tief ist, wie noch keiner vor ihm. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage, dass es schlimmer ist als 2012. Ihr bringt nicht nur Medien, Neutrale und Sitzplatz-Fans gegen Euch auf, ihr schafft es sogar mittlerweile Fans, die einigermaßen tolerant gegenüber Ultras (oder sogar noch näher) waren zu verärgern. Ihr schafft es, dass ich nur noch Hass auf Euch empfinde.

Ich will nicht, dass diese Leute, die da Leuchtspuren geschossen haben, den effzeh repräsentieren. Ich will sie nicht in der Kurve haben. Ich bin wahrlich kein Freund von Stadionverboten, von Polizei-Repression und von der Tatsache, dass Fußball-Fans anders behandelt werden als der Rest der Menschheit aber in Eurem Fall will ich eine Ausnahme machen: Ich hoffe, dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden können! Ich hoffe es gibt nicht nur Stadionverbot, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen. Von mir aus sollen sie aus der Szene selbst an die Polizei verraten werden, es ist nicht mehr hinnehmbar. Wir erleben hier gerade eine Zäsur, die nur mit der absoluten und vollständigen Selbstreinigung der Kurve enden kann, wenn es eine Hoffnung auf einen Neubeginn geben soll. Dies ist als eindeutiger Appell zu sehen: Mir ist scheißegal, was davor war, mir ist scheißegal, ob da eine Fahne gezogen werden sollte, ob es Provokationen gab oder ob jemand nicht rechtzeitig die Windel gewechselt bekam. Leuchtspur im Kopp, ey.

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Dass diese Selbstreinigung in dieser Form aus mehreren Gründen illusorisch ist, ist mir klar. Das werden Leute sein, die nicht für Argumente zugänglich sind. Ich will es dennoch so stehen lassen, um meine Enttäuschung über diese Vorgänge auszudrücken. Vielleicht sollten wir uns aber auch darüber im klaren sein, dass “Scheiß Wilde Horde” zu einfach und der Sache im Zweifel auch nicht dienlich ist, denn nur weil die Wilde Horde die bekannteste Gruppe in Köln ist, heißt dies nicht, dass alle Vorgänge von einem dunklen WH-Mastermind gesteuert sind. Wer von uns, der nicht dort stand, kann sagen, dass es wirklich ein WH-Mitglied war? Natürlich ist es in einer Art Andrackschem Reflex leicht die Wilde Horde zu verdammen aber letztlich ist sie auch das einzige mögliche Regulativ, das wir haben. Eine Spaltung der Kurve ist etwas, das wir uns nie leisten sollten, deswegen hoffe ich sehr, dass am Sonntag ein erster Schritt wieder aufeinander zu gegangen werden kann.

Dies soll in keiner Weise relativierend wirken, es ist nur eine andere Sichtweise, die man auch bedenken sollte.
[/Update]

Entschuldigt bitte, ich musste mir Luft machen. Welch geisteskranker Wahnsinn.

Ihr wollt noch was zum Spiel lesen? Vergesst es. Unwürdig ist noch geschmeichelt. Der Impuls, der von der Entlassung Peter Stögers ausgehen sollte, verpuffte ohne Laut. Natürlich ist das auch der Personalsituation geschuldet aber die Leute die da gespielt haben, spielten als sei ihnen alles scheißegal. Kein Einsatz, kein Kampf, von Spielkultur oder zwei Pässen zum eigenen Mann können wir ja mittlerweile nur träumen. Lasst alle Hoffnung fahren, es ist vorbei.

Abschließend noch ein Kompliment an das Publikum von Roter Stern, die mächtig Alarm machten. Ich kann mich an kein lauteres krasseres Publikum in der gesamten Schüssel erinnern. Alles sprang, schrie und sang. Das war beeindruckend.

Und so verabschiedet sich der 1.FC Köln auf nicht absehbarer Zeit aus Europa. Nicht, wie wir gehofft hatten, mit Anstand und Applaus, sondern mit gesenktem Kopf und Schamesröte in den Gesichtern. Es ist erbärmlich.

Divina Commedia

2:2 trennt sich der 1.FC Köln von Schalke. Ein Triumph, angesichts der unterschiedlichen Leistungsstände beider Teams. Zwei Mal einen Rückstand kämpfend aufgeholt, Schalke so gut es ging vom erspielen klarer Torchancen abgehalten und dennoch alles verloren.

Heute verabschiedet sich Peter Stöger als Trainer des 1.FC Köln und das, lasst es uns ganz klar ansprechen, ist eine gottverdammte Schande. Eine Schmierenkomödie allererster Güte. In der Woche hat Stöger gefordert, dass man entweder zu ihm steht, oder ihm mitteilt, dass er entlassen ist. Heute, vor dem Spiel, kamen dann erste Gerüchte auf, dass es das letzte Spiel von Peter Stöger als Verantwortlicher des 1.FC Kölns sein wird. Die Mannschaft wird es gewusst haben und hat alles daran gelegt, dass der Trainer mit erhobenen Haupt gehen kann. Natürlich ist da keine spielerische Klasse vorhanden und ja, wir können uns über Konstantin Rausch zurecht drei Wochen am Stück aufregen, aber das Team hat versucht das beste aus dem Spiel zu machen.

Der Vorstand hat sich anscheinend nicht dazu hinreißen lassen Peter Stöger das Vertrauen auszusprechen. Dem Peter Stöger, der uns nach Europa gebracht hat, der in seiner Zeit in Köln den Verein aus einem Trümmerhaufen neu aufstellte. Der uns den Glauben an den Verein wiedergegeben hat. Der uns singen und tanzen ließ wie es diese Stadt seit 25 Jahren nicht gesehen hat. Der im Sommer seine Spieler nicht bekam, weil Schmadtke wieder mal cleverer als alle anderen sein wollte und uns eine Bruchlandung sondergleichen bescherte. Diesem Mann entzieht unser Vorstand das Vertrauen? Am Donnerstag spielt der 1.FC Köln zum vielleicht letzten Mal auf absehbare Zeit ein Europapokal-Spiel und das ohne den Mann, der dies ermöglichte. Es ist an Schäbbigkeit nicht zu überbieten.

Lieber Peter Stöger: Danke für alles! Mehr kann ich gar nicht sagen. Es bereitet mir körperliche Schmerzen, Sie gehen zu sehen. Sie waren das beste, was unserem Verein seit Jahrzehnten passiert ist.

Wenn man alles zusammennimmt, die letzten Wochen mal Paroli laufen lässt, wenn man die Aussagen auf der JHV dazu nimmt, die Außendarstellung von Schumacher und Wehrle, dann ist es Zeit für eine Revolution im Club. Gerade bekomme ich eine Nachricht meiner Freundin aus dem Stadion: “Ich hasse den FC”.

Genau.

Vorstand raus!

Schwarz

“Ich han noch vill vür”, sagte er vor nicht einmal drei Wochen. 90 Jahre war er da gerade geworden. Abends spielte der 1.FC Köln in Borisov und Hans Schäfer wünschte sich von seinem Verein nur, dass die “Jungs” ihm dort einen Sieg schenken mögen. Es gelang nicht. Er wird es mit seiner fast schon stoischen Gelassenheit zur Kenntnis genommen haben. Laute Töne waren seine Sache nicht.

Gelassenheit ist wohl das prägnanteste Merkmal, wenn wir an Hans Schäfer denken. Nach dem Weltmeistertitel von 1954 gefragt, wird er mit den Worten „Es war doch nur eine großartige Leistung einer großartigen Mannschaft, die auch noch viel Glück hatte“ zitiert. Seine Bodenständigkeit, sein Humor, seine Liebe zur Stadt und zum Verein, Hans Schäfer war Kölner durch und durch. In Zollstock aufgewachsen, ein Kind der ersten Stunde des Vereins, bis zuletzt immer noch am Geißbockheim unterwegs um mal nach seinem Club zu schauen, ob er auch noch in der Spur ist. Die Knie taten irgendwann weh aber für ein Kölsch hat es noch gereicht.

Für seinen 1.FC Köln spielte er 711 mal. Von 1948 bis 1965, von Hennes Weissweiler bis Georg Knöpfle. Von den Anfängen in der Rheinbezirksliga über die Oberliga in die neu gegründete Bundesliga. 501 Tore schoss er für ‘uns’, nie verließ er den Club, nie wechselte er für Geld und gute Worte. Fünf Mal wurde der 1.FC Köln mit Hans Schäfer Westdeutscher Meister, zwei Mal deutscher Meister.

Hans Schäfer. Linksaußen.

Nie hat das Wort “Legende” besser gepasst als auf ihn. “Schäfer nach innen geflankt…” wird es immer nachhallen, nicht nur in Köln.

Hans Schäfer ist tot. Der 1.FC Köln verliert heute den vielleicht größten Spieler und Menschen, den dieser Verein hervorgebracht hat. Er wird fehlen.

Gute Reise, Knoll. Wenn wir demnächst nach oben schauen und um Beistand bitten, die Fußballgötter um Gnade anflehend, dann wissen wir, dass du uns hören wirst.

Ich bin unendlich traurig.

FC – Hoffenheim: Zu Asche, zu Staub

Ein bisschen weh tut es ja schon. Der 1.FC Köln präsentiert sich nach dem Europapokal-Sieg am Donnerstag völlig indisponiert gegen eine durchschnittliche Bundesliga-Mannschaft. Das Spiel zeigt eindeutig, dass die Mannschaft aktuell nicht wettbewerbsfähig ist. Vorne machen wir die Tore nicht, im Mittelfeld sind größere Lücken als in Donald Trumps Gedächtnis (und ähnlich viel Kreativität) und hinten sind wir so langsam, dass es für den Gegner ein Leichtes ist, uns abzuschießen. Mental und psychisch ist das nicht erstliga-tauglich. So simpel ist das.

Ernsthaft, was Konstantin Rausch und Matthias Lehmann da spielen, ist nicht verkraft- und vermittelbar. Rausch schafft es im gesamten Spiel nicht eine einzige Hereingabe an einem Hoffenheimer Spieler vorbei zu bringen, seine Ecken sind eigentlich Fehlpässe und hinten steht er so weit vom Gegner weg, dass es eigentlich eine abmahnfähige Leistungsverweigerung darstellt. Lehmann bekommt im gesamten Spiel genau gar keinen Zugriff auf das Offensivspiel des Gegners, er ist dabei so langsam und so fahrig, dass es weh tut hin zu schauen. Das große Problem: Wir haben halt keine Alternativen. Jojic? Handwerker? Sörensen? Das waren Peter Stögers Einwechslungen. Es hilft nichts drum rum zu reden, das Team ist im Sommer mit Anlauf in die Tonne gekloppt worden, es sind Fehler gemacht worden, die nicht korrigierbar sind. Das i-Tüpfelchen sind die Vetragsverlängerungen von Rausch und Lehmann, die nicht anders zu interpretieren sind, als ein letzter diabolischer Tritt in die Eier von Schmadtke an Stöger.

Das macht schon sehr, sehr wenig Spaß, wenn man mit ansehen muss, wie chancenlos wir in der Liga sind.

Jetzt kommen die Relativierungen. “Hätte Osako das Tor statt den Pfosten getroffen…”

Ja. Hat er aber nicht. Er trifft eben den Pfosten. Reicht nicht.

Es soll bloß niemand auf Pech oder den Schiedsrichter schieben, Hoffenheim war über 90 Minuten eine ganze Klasse besser als der 1.FC Köln. Jeder Vortrag Richtung unser Tor war potenziell gefährlich, weil gar kein Druck ausgeübt wurde, weil keinerlei Ambition bestand hier einen Kampf anzunehmen. Einzig Heintz und Maroh schienen Willens nicht kampflos unterzugehen. Das ist dann auch das wirklich Ernüchternde: Das Phlegma ist besorgniserregend. Ich sehe kein Aufbäumen, keinen Willen, keine Körpersprache. Ich sehe hängende Schultern und vogelwilde Belanglosigkeit. Praktisch in jeder Szene war Hoffenheim bissiger, zweikampfstärker und – natürlich – auch in der fußballerischen Qualität Lichtjahre besser als der effzeh.

Aber wisst Ihr was? Ich werde es verkraften. Es stehen noch zwei Spiele in Europa an, diese werde ich mitnehmen und dann ist Weihnachten. Was soll ich mich groß ärgern, es ist wie es ist, der Deal, dass sie von mir aus auch absteigen können, wenn sie mir noch einmal Europa ermöglichen, wird vom Verein anscheinend mit heiligem Ernst honoriert. Ich kann mich nicht beklagen.

Es tut halt trotzdem weh.

FC – Borisov: BATE Macchiato

Feuchtkalt ist es. Ungemütlich. Herbstwetter. Gerade ist der Pausenpfiff ertönt und ca. 100 Gästefans sind im sehr stillen Müngersdorf deutlich zu hören. BATE, BATE, BATE, schallt es einigermaßen unkreativ aber eben klar wahrnehmbar die 120 Meter von der Gästekurve in unsere Richtung. Wir schauen uns an, begraben die Gesichter in Händen, Schals, Pullis und Jacken und verstehen es einfach nicht. Das Spiel an sich, meine ich. Wir ringen um Worte und schütteln uns, rauchen vielleicht eine Frust-Zigarette oder diskutieren wild gestikulierend die vergangenen 20 Minuten unseres Lebens. Natürlich ist es nicht das Leben selbst, welches hier auf dem Prüfstand steht, aber in diesem Moment, in dieser Viertelstunde Pause, kommt es mir so vor. 25 Jahre haben wir auf diese Saison gewartet, wir haben gebetet, gezittert, haben gelitten, geflucht, sind verzweifelt am Fußballgott und an uns selbst, haben die Welt verflucht und dann, als es endlich passiert, als wir uns wieder fühlen dürfen, als würden wir dazu gehören, als würde der 1.FC Köln in sein natürliches Habitat, welches selbstverständlich der europäische Spitzen-Vereinsfußball ist, zurückkehren, wird uns auch dies genommen. Drei Spiele, drei Niederlagen in Europa. Ein Tor. Fürchterliche Spiele gegen Belgrad und in Borisov, eine saft- und kraftlose europäische Vorstellung. Theresa May wäre stolz auf uns. Dazu abgeschlagen Letzter in der Liga, kein Sieg, keine Hoffnung auf Besserung. All dies kumuliert in dieser Halbzeitpause zu einer Resignation, die ich selten so erlebt habe. Wir finde auch keine richtigen Worte mehr. Begräbnis.

BATE, BATE, BATE.

Bitte nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein.

Und dann macht es klick.

Nachdem in der ersten Halbzeit das Fußballspielen nach der Führung komplett eingestellt wurde, nachdem man sich hat einlullen lassen, von einer spielerisch bestenfalls Zweitliga-tauglichen Mannschaft, man dem Gegner physisch und psychisch für 20 Minuten völlig unterlegen war, gab es wohl eine Ansprache von Peter Stöger. So kann und darf man sich nicht präsentieren, das haben wir Fans nicht verdient, das hat der Verein nicht verdient und das haben auch die Spieler, die letztes Jahr den fünften Platz irgendwie errungen haben, nicht verdient. Es geht hier nicht um Leben oder Tod, es geht wahrscheinlich noch nicht einmal um ein Weiterkommen, sondern es geht schlicht und ergreifend um die Ehre. Das mag sich wieder mal pathetisch überhöht lesen, das mag auch blöd formuliert sein, aber mir fällt kein anderes Wort ein. So geht es nicht weiter, so kann es nicht weiter gehen. Es muss etwas passieren. Es geht darum ein Zeichen zu setzen, den Menschen zu zeigen, dass doch nicht alles egal ist. Eine weiterer Aufschub ist nicht möglich.

Heute. Sofort. In diesem Stadion, in diesem Spiel.

Für Christian Clemens wird Yuya Osako eingewechselt.

Come on effzeh!

Noch einmal bäumt sich die Südkurve auf, noch einmal erhebt sich das Stadion. Wir sind noch da. Macht was! Zeigt uns, dass es euch auch nicht egal ist, was man morgen über euch schreiben wird. Los jetzt.

Was dann folgt ist eine zweite Halbzeit zum verlieben. Vier Tore. Wunderschöne Dinger.

Katharsis.

Es interessiert mich nicht, dass Borisov natürlich keine gute Mannschaft hat. Es ist mir egal, dass es eigentlich ein Pflichtsieg war. Es war ein Sieg im Europapokal. Es war genau das, was wir gebraucht haben. Hier und jetzt. Nicht morgen oder am Sonntag. Gestern brauchten 45.000 Zuschauer diesen Sieg, dieses Ergebnis. Wir brauchten die Tore, wir brauchten die Erleichterung. Wir brauchten das Lachen nach Schlusspfiff. Alles andere ist bedeutungslos.

Ich bin mir sicher, dass die Spieler das ähnlich sehen. Ich freue mich so sehr für Yuya Osako, der eine knifflige Hinrunde spielt, dass er getroffen hat. Doppelt sogar. Ich freue mich vielleicht sogar noch ein bisschen mehr für Sehrou Guirassy, dessen Freistoß uns in Ekstase versetzte. Auch für Simon Zoller, der sich durchsetzen konnte und schön abschloss. Ich freue mich für Peter Stöger und für den Verein. Am meisten aber freue ich mich für uns, für die Fans. Wir haben diesen Sieg verdient. Wir haben diese Halbzeit verdient. Nach 25 Jahren dürfen wir wieder einen Sieg in einem europäischen Wettbewerb feiern. Wir müssen uns endlich mal wieder nicht die Papiertüte über den Kopf stülpen, wenn wir am nächsten Morgen ins Büro kommen. Wir müssen einmal nicht an vergebene Chancen denken und an hätte, wenn und aber.

Es ist endlich unsere Nacht. Nach zweieinhalb Jahrzehnten.

Lasst den Rest der Welt halt lachen über uns. Es stört mich nicht. Niemand kann uns das nehmen.

Europapokal.

(via Thorsten Poppe)

Strg Alt Entf

Okay, das ging schnell. Gestern Abend die Push vom FC, dass Jörg Schmadtke den Club verlassen wird.

Der Vorstand des 1. FC Köln und Jörg Schmadtke sind nach eingehender und intensiver Analyse zu unterschiedlichen Auffassungen im Hinblick auf die zukünftige sportliche Ausrichtung des Clubs gekommen. Aus diesem Grund haben sie sich dazu entschlossen, den bis 2023 laufenden Vertrag als Geschäftsführer in beiderseitigem Einvernehmen mit sofortiger Wirkung aufzulösen.

Das kann ich nicht anders als einen riesengroßen Krach lesen. Es gibt für mich wirklich nur eine überschaubare Zahl an Szenarien:

1.) Schmadtke wollte Stöger entlassen, der Vorstand nicht.
2.) Der Vorstand wollte Stöger entlassen, Schmadtke nicht.
3.) Der Vorstand wollte Schmadtke Jr. entlassen/zurückstufen.

Anders kann ich mir die Passage, dass man “zu unterschiedlichen Auffassungen im Hinblick auf die zukünftige sportliche Ausrichtung des Clubs” gekommen sei nicht erklären. Wir haben ja im Moment kein anderes Ziel als einigermaßen vernünftig aus der Saison zu kommen, oder? Es kann keine Diskussion über irgendwelche Fünf-Jahres-Pläne gegeben haben.

Fällt noch jemand eine einigermaßen stimmige Option ein? Mir gerade nicht.

Gucken wir mal:

1.) Falls Schmadtke wirklich Stöger entlassen wollte, dann hätte das schon etwas von einem Hannover-Revival. Damals ging es gegen Slomka, Schmadtke “verlor” und verließ 96. Man hört ja so viel und dass es zwischen Stöger und Schmadtke nicht mehr so buddymäßig abläuft wie zu Beginn der Zusammenarbeit ist ja auch kein großes Geheimnis. Beide sprechen von einer professionellen Zusammenarbeit, was nichts anderes heißt, als dass man lieber mit anderen Menschen zusammen ist, als mit dem jeweiligen Gegenüber. Schon im Sommer soll es ordentlich gekracht haben, Stöger soll kurz davor gewesen sein die Brocken hin zu schmeißen (wie gesagt, alles Gerüchte, alles Hörensagen, ich war nicht dabei). Dann gab es in den letzten Wochen die Gerüchte über Weinzierl, dass die Verträge unterschriftsreif sein sollten und Stöger bei einer Niederlage gegen Werder nicht mehr Trainer sei soll.

2.) Alles was man aus dem Vorstand hört und liest, kann man eigentlich nur so interpretieren, dass Stöger großen Kredit besitzt und nicht entlassen wird. Allerdings, in meinem Kopf, das bin aber nur ich, hört sich diese Variante sehr viel stimmiger an, als die umgekehrte Version. Ich weiß auch nicht genau warum. Mein Gedanke gestern war: Schmadtke weg, Stöger verliert in Berlin, in Leverkusen und gegen Hoffenheim, dann Stöger weg. Natürlich ist das Aktionismus aber der Vorstand ist ja in letzter Zeit nicht durch subtile, feinfühlige Strategie aufgefallen. Vielleicht hat da auch REWE ein Macht-Wörtchen gesprochen? Na, man weiß es nicht.

3.) Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr tendiere ich zu Punkt 3. Der Vorstand hat sich die Transferbilanz von Nils Schmadtke über die letzten anderthalb Jahre noch einmal angeschaut, diese dann mit Jörg Jakobs Arbeit verglichen und ist zu dem Schluss gekommen, dass Schmadtke jr. einen Platz zu räumen hat. Senior findet das nicht gut, droht mit Abgang, Vorstand lässt sich nicht erpressen, Sturkopf gegen Sturkopf, Schmadtke geht “in beiderseitigem Einvernehmen”.

Wir werden es früh genug erfahren.

Wie geht es nun weiter? Schmadtke wird gutes Geld bekommen, sein Vertrag wurde erst im Mai bis 2023 verlängert. Die Suche nach einem neuen sportlichen Leiter muss jetzt schnell gehen, Jörg Jakobs kann das Amt erst einmal ausüben aber mein Tipp ist, dass wir in spätestens 10 Tagen einen neunen Vorstand Sport begrüßen können. Spekulationen über Namen spare ich mir, am Ende wird es Dirk Dufner und wir können wieder mit Ritzen anfangen. Gott steh uns bei.

Die nächsten Tage werden sehr, sehr spannend am Geißbockheim.

Immerhin etwas.

FC – Bremen: Abyssus abyssum invocat

Ich belüge mich immer noch selbst. Ich rede mir ein, dass das Spiel mittlerweile nicht mehr die Relevanz hat, die es noch im Mai hatte. Ich schaue in die Tagespresse, ich rede mit meinem Umfeld, ich versuche ruhig zu bleiben aber tatsächlich hat sich nicht so viel geändert, wie ich es eigentlich gerne hätte. Ich habe immer noch dieses nervöse Augenzucken, diese innere Anspannung vor den Spielen. Ich kann nicht abschalten und mache mir tatsächlich noch Gedanken, wie es weiter geht mit dem 1.FC Köln. Während des Spiels muss ich es, auch aus Selbstschutz, kaschieren, verschleiern, ich lach dann das Verdrängungslachen und zucke mit den Schultern. Dann isses eben so. Dann steigen wir dieses Jahr eben wieder mal ab. Mir doch egal, ich hab ja Europa.

Es ist gelogen.

Es ist mir nicht egal. Es zieht sich immer noch alles zusammen in mir, wenn ich den effzeh sehe. Es bricht mir das Herz. Egal wie groß die Distanz zum Club mittlerweile ist, wenn ich Müngersdorf sehe, rieche, fühle, wenn der Ball rollt, dann bin ich immer noch zehn Jahre alt und will nicht verlieren. Ich will kein Mitleid und keine warmen Worte. Ich will gottverdammte Tore und Punkte. Das Spiel bleibt das Spiel und der 1.FC Köln bleibt (noch) der 1.FC Köln. Ich kann mich auf den Kopf stellen oder eine halbe Stunde mit dem Kopf gegen die Wand laufen, es ändert sich nicht. Es ist noch in mir, es lässt mich noch nicht los.

Gestern stand ich nach dem Frühstück auf dem Balkon, schaute auf die langsam erwachende Stadt und murmelte vor mich hin, dass es heute klappen muss. Dass man Werder schlagen kann, muss, wie auch immer. Dass heute ein paar Tore fallen, im Zweifel durch Pizarro. Diese Geschichten schreibt nur der Fußball usw. Ich schaute nach oben, als ob es irgendwie und irgendwo einen göttlichen Halt gibt. Als ob ich erwartete, dass sich der Himmel auftut, eine große, runzelige Hand rauskommt und mir den Kopf tätschelt. Alles wird gut. Mehr will ich doch gar nicht hören. Es passierte nicht. Gegenüber versuchte jemand einzuparken. Das Schauspiel wäre ein fantastisches Symbolbild für die Versuche des 1.FC Köln gewesen ein Tor zu erzielen. Vor, zurück, vor, zurück, vor, vor, vor, nee, doch nicht, nochmal zurück, vor, falsch eingeschlagen, zurück, passt nicht, weggefahren. Man hätte bequem ein kleines Flugzeug in der Lücke parken können aber irgendwie wollte die Karre nicht rein. Oder der Fahrer hatte getrunken, ich weiß es nicht. Ich hätte nicht lachen dürfen, das wusste ich sofort. Karma is a bitch.

Nach dem 0:0 gehen dir dann tausend Gedanken durch den Kopf. Himmel hilf, wer soll ein Tor bei uns schießen? Wie kann die Mannschaft sich noch retten? Gegen wen wollen wir gewinnen, wenn nicht gegen selbst mausgraue, halbtote, wie am Fließband Fehler produzierende Bremer? Zwei Punkte, nächste Woche Leverkusen, dann Hoffenheim. Dann guckst du auf die Tabelle, siehst, dass der HSV in seinem natürlichen Habitat angekommen ist, siehst, dass das alles noch zu machen ist, rechnest ein wenig, denkst, dass es nur besser werden kann, dass es ja auch nicht alles schlecht war und dass… ach, alles. Ihr wisst, was ich meine. Und dann guckst Du nochmal auf die Tabelle und auf die frisch eingetroffene Karte für Belgrad, machst ein Witzchen oder zwei auf Twitter und legst dich auf die Couch. Im Hintergrund läuft irgendwas belangloses, du hast keine Lust auf nichts und verfällst in die Nach-Spieltags-Depression, die man doch eigentlich hinter sich lassen wollte.

Müssen wir über die Chancen sprechen? Müssen wir auch hier noch auf Guirassy drauf schlagen? Ja, er hatte Chancen, ja, die Szene in der 86. Minute wird wahrscheinlich in keinem Bundesliga-Rückblick fehlen und zu Frank Mills Pfostentreffer der Neuzeit werden,  aber, wisst ihr was? Er ist eben einen kleinen Schritt zu weit vorne, der Ball kommt scharf rein, er bekommt den linken Fuß nicht mehr weg und dann iss es eben so. Das sieht trottelig aus aber jeder von uns ist schon mal beim Schuhe anziehen aus dem Gleichgewicht gekommen oder gegen eine Tür gerannt, hat sich nach einem falschen Tritt aufs Maul gelegt oder ist ohne zu bremsen in eine Skihütte gedonnert. Scheiße passiert. Viel merkwürdiger und beachtenswerter empfand ich die Chance ein paar Minuten vorher, als Heintz ihm einen Zuckerpass in den Lauf spielt und er den Ball eigentlich frei vor dem Torwart vertändelt. Da können wir mal über mangelndes Selbstbewusstsein oder eine Blockade im Kopf sprechen.

Mann, ey.

Das wirklich fatale ist: Man kann der Mannschaft nicht viel vorwerfen. Man kann ihr den Kampf nicht absprechen, man kann ihr den Willen nicht absprechen aber es ist offensichtlich und zunehmend frustrierend: Sie ist nicht besser. Sie kann es nicht besser. Was Konstantin Rausch, dessen heroische Rettungsaktion kurz vor Schluss noch einen Punkt sicherte, auf links für Spiele macht, ist nicht zu beschreiben. Jeder, wirklich jeder Ball verspringt ihm, er steht zu weit weg vom Gegner, er bekommt keinen einzigen gescheiten Pass hin, seine Flanken sehen so aus als ob ich FIFA spielen würde und den falschen Knopf drücke und seine Standards sind nur noch mit Schimpfworten richtig umschrieben. Sein Pendant auf rechts ist Simon Zoller. Für ihn gilt eins zu eins das oben geschriebene. Das muss man auch ansprechen, denn mit Fanboytum und hey Jungs, weiter machen, das wird schon, bleiben wir eben stehen. Man sah letztes Jahr schon die fehlende Qualität, man tat nichts und jetzt sind eben keine Überperformer mehr da, die diese Nicht-Leistungen auffangen. Wir spielen eigentlich von der ersten Minute an in Unterzahl weil wir Spieler in der Mannschaft haben, die nicht Bundesliga-tauglich sind. Das ist einfach so.

Und, ganz ehrlich, wenn ich dann die Aussagen nach Borisov höre, dass man enttäuscht sei von den Fans, dann platzt irgendwo in mir eine Ader. Da stellt sich Marco Höger, der seit Monaten nichts mehr auf die Kette bekommt, hin und sagt ohne rot zu werden „Dass man unzufrieden ist, klar. Aber der Satz: ’Wir wollen Euch kämpfen sehen’ ist deplatziert. Wenn wir eins nicht machen, ist es aufgeben.“ Junge, da fahren tausende Menschen über Amsterdam, Warschau, Danzig, Minsk nach fucking Borisov, geben hunderte, tausende Euro für diesen Trip aus und Du, Marco Höger, stellst Dich hin und kritisierst, dass ein Lied angestimmt wurde, dass die Unzufriedenheit versucht in Worte zu fassen. Hätte ein “Wir wollen Euch noch ein bisschen mehr kämpfen sehen, damit wir mal wieder ein Tor sehen können” besser gepasst? Vielleicht. Ist aber spontan eine enorme logistische Herausforderung den Block über die Textänderung zu informieren. Mann Marco, ihr spielt gegen ein so unfassbar schlechtes Bate, kassiert ein Gegentor, bei dem im Stadion als Tormusik eigentlich das Benny-Hill-Theme (Rausch!) eingespielt werden müsste und macht in den letzten 20 Minuten gar nichts mehr? Nichts? Keinen einzigen strukturierten Angriff? Und Du, Marco Höger, stellst Dich da hin und kritisierst die Fans. Die Eier muss man erstmal haben. Das gilt übrigens auch für Schmadtke und Stöger, die ebenfalls nicht verstehen konnten, dass die Fans pfiffen.

Dass die Mannschaft in Köln einen enormen Kredit hat, dass man sicher nicht vergisst, was letzte Saison passierte, dass man noch nicht in einer 2012er Saison angekommen ist, konnte dann gestern vor dem Spiel beobachtet werden. Zusammen mit den Fans stimmt sich die Mannschaft am Zaun zur Süd auf das Spiel ein, die Fans zeigten, dass Weißrussland vergessen ist. It’s a new dawn, it’s a new day singt Nina Simone leise im Hintergrund. Dieser Rückhalt, dieser unbedingte Willen den effzeh wieder zurück auf die Erfolgsspur zu bringen, diese Leidenschaft, ja wo gibt es diese vorbehaltlose Selbstaufgabe denn noch in Deutschland? Da könnt ihr euch aber mal umgucken, liebe Spieler und das Ergebnis an einer Hand abzählen. Wenn überhaupt. Ihr habt nach acht Spielen einen Punkt und drei Tore und das Müngersdorfer Stadion ist trotzdem ausverkauft! Da sind 45.000 Menschen, die Euch von der ersten Minute an nach vorne schreien. Diesen vielleicht letzten Trumpf, den der 1.FC Köln immer noch hat, den würde ich an Eurer Stelle, gerade in der jetzigen Situation mit Samthandschuhen anpacken und nicht die beleidigte Leberwurst spielen, weil ein Lied vielleicht nicht so hundertpro gepasst hat.

Kommt mal klar.

In diesem Zusammenhang muss ich natürlich auch mal kurz auf Schmadtke eingehen. Seine Interviews werden immer schmallippiger, seine Versuche eigene Fehler und eigenes, man muss es deutlich so sagen, Missmanagement zu verharmlosen, werden immer auffälliger. Er sieht es tatsächlich so, dass seine bisherigen Transfers eigentlich gut waren aber diesmal eben ein paar Dinge einer Fehleinschätzung unterlagen. Meine Stimmung Richtung Schmadtke dreht sich so langsam. Wir reden seit drei Jahren davon, dass wir im offensiven Mittelfeld Verstärkung brauchen, dass wir auf Außen Alternativen brauchen, dass wir auch nicht nur mit einem Stürmer in die Saison gehen sollten. Und was passiert? Nichts. Seine große Leistung in Köln war es bisher die Leistungsträger zu halten. Im letzten Jahr hatten wir dann das Glück, dass andere Mannschaften auch nicht wollten und wir mit unter 50 Punkten nach Europa kamen. Es war ja nicht so, als ob wir die Liga nach Belieben bestimmt hätten. Erinnert Euch mal an die Serie nach dem Pokal-Aus in Hamburg. Wir haben aus den letzten 15 Spielen 4 gewonnen. Das ist eigentlich nicht die Bilanz eines UEFA-Pokal-Teilnehmers. Da waren Spiele dabei (das 1:2 im verfluchten Augsburg), wo man sich am liebsten die Augen mit glühenden Gyros-Spießen ausgestochen hätte. Dann kam der Sommer, Modeste war weg und wir warteten Tag um Tag auf die ersehnten neuen Spieler. Wir hatten immer noch Rudnevs, Clemens und Rausch im Kader. Und was passierte? Nichts. Seit drei Perioden herrscht beim effzeh absoluter Stillstand. Guckt mal in die Transfers und sagt mir, was gut war:

Guirassy?
Clemens?
Rudnevs?
Höger?
Rausch?
Subotic?
Córdoba?
Horn?
Pizarro?

Hör mir doch auf. In Mainz…ach… schon gut.

Der Fokus liegt anscheinend bei Schmadtke nicht wirklich auf den Spielern, sondern eher beim Umfeld, wenn man seine offensive Darstellung der “Neues Stadion”-Situation betrachtet. Na, dann baut mal schön mit einem “strategischen Partner” ein 70.000 Leute Dingens nach Kerpen oder Bergheim oder in die Wahner Heide. Klappt bestimmt. Und Schmadtke wundert sich? Alles wird ignoriert, alle sind dumm, nur er weiß es besser. Ja jut. Kann ja sein, ich bin gespannt.

Nee, ganz ehrlich, so sympathisch Schmadtke im Erfolg ist, so arrogant kommt er in der Krise rüber. Und dass die Fans dann mal etwas anderes singen als “Du bist der beste Mann” muss er dann eben auch mal aushalten. Und vielleicht in Interviews eine Spur defensiver werden, denn letztlich waren wir schon da als er noch in Düsseldorf Fliegen gefangen hat und unser Anspruch am 1.FC Köln ist garantiert nicht kleiner als seiner.

Bei allem Ärger, bei aller Enttäuschung, eine Sache ist mir noch wichtig: Peter Stöger ist alternativlos. Es kann keinen besseren Mann als den Trainer gerade geben auch wenn ich verstehen kann, wenn er selbst die Notbremse zieht und die Stadt verlässt, weil, noch ist er der Trainer, der den Verein zurück nach Europa gebracht hat. Bald ist er vielleicht der “schlechteste FC-Trainer aller Zeiten”. Ich kann die Schlagzeile schon vor mir sehen. Und das muss sich Stöger nicht antun. Ich hoffe dennoch, dass er bleibt. Und falls Schmadtke ihn wirklich entlassen sollte, dann hoffe ich, dass die Fans deutlich Partei ergreifen. Nicht Stöger hat uns die aktuelle Situation eingebrockt.

Okay, jetzt geht es mir etwas besser.

Come on effzeh!

Buchtipp: Wir Wochenendrebellen

Mirco ist nicht ganz einfach zu erklären. Mirco hat einen veritablen Sockenschuss. Das ist schon mal nicht die schlechteste Voraussetzung, um eine kleine Abkürzung in mein schmales, schwarzes Buch der coolen Leute zu nehmen. Andererseits ist Mirco Fan von Fortuna Düsseldorf, was – ganz objektiv betrachtet – nicht für einen rational denkenden Menschen sprechen kann. Vergl. -> Sockenschuss. Aber, er verdient sein eigenes Geld und wenn man sich mit ihm unterhält, kommt seine Fortuna-Leidenschaft fast gar nicht zur Geltung. Er artikuliert sich klug und verständlich, ist nett und umgänglich, ja man möchte sagen liebenswert. Es ist kompliziert, ich sagte es ja bereits. Mirco ist übrigens kein fiktionaler Charakter. Mirco gibt es wirklich, ihr könnt mir glauben. Ich durfte ihn, seine unglaublich charmante Frau und seinen Sohn Jason, um den es im Grunde geht, schon kennen lernen. Seine Tochter hält er noch vor mir geheim aber, okay, das kann ich sogar ein kleines bisschen verstehen, einen Joker will man immer in der Hinterhand haben.

Jason, Mircos Sohn, ist Asperger-Autist. Ich habe genau gar keine Erfahrung mit Autismus. Wenn mir vorher jemand gesagt hat: Das ist ein Autist, dann dachte ich an Dustin Hoffman in Rain Man und an Bleistifte auf dem Boden. Schubladendenken ist halt manchmal bequem. Als ich Jason aber dann beim Relegations-Spiel der Fortuna gegen Bayern II kennengelernt habe, war alles ein wenig anders. Jason war aufgeräumt, vielleicht etwas schüchtern aber irgendwie doch ein ganz normales Kind. Bei dem Vater sogar ein erstaunlich gut erzogenes Kind, möchte man meinen. Natürlich war er damals noch etwas jünger, er hatte noch nicht die Groundhopping-Erfahrung von heute, aber eine Fahrt mit der KVB vom Barbarossaplatz zum Gottesweg, das kann ja durchaus schon mal schlimmer sein, als auf Eseln durch Bergkarabach zu reiten. Während des Tages wurde er munterer, er erzählte auch ein paar Dinge und fing später, nach dem Spiel, im Clubheim, wo es brechend voll war, an, mit einem Ball zu spielen. Was Kinder halt so machen, wenn ihnen langweilig wird. Allein mit diesen Eindrücken habe ich Jason als höflichen Jungen kennengelernt, der vielleicht nicht Mainstream ist, aber auch das muss ja nicht zwangsläufig eine negative Eigenschaft sein.

Aber im Leben ist es halt nicht immer nur schwarz und weiß. Es gibt Höhen und Tiefen und ganze Schluchten. In meinem Leben, in eurem Leben und eben auch in Mircos und Jasons Leben. Der Unterschied zwischen mir und Dir ist, dass Mirco jetzt ein Buch darüber geschrieben hat. Über die Reisen, die er mit seinem Sohn seit ein paar Jahren unternimmt. Zum Fußball, zu Konzerten, zu sozialen Ereignissen.

In seinem Blog lässt uns Mirco schon seit Jahren teilhaben an diesen wortwörtlichen Trips abseits jeder Routine. Und weil das Buch die logische Konsequenz des Blogs ist, heißt das Buch genauso: “Wir Wochenendrebellen”. Mirco nimmt uns mit auf die Reisen, die er mit Jason unternahm, wir lernen die Regeln des jungen Manns kennen, die häufig eine reflektierte soziale Verantwortung erkennen lassen, über die wir uns gar keine Gedanken mehr machen. Es darf z.B. kein Essen weggeschmissen werden. Was auf dem Teller ist, wird gegessen. Und wenn Jason satt ist und es noch Reste gibt, dann muss Mirco halt herhalten. Immer noch besser der Papsi hat Bauchschmerzen, als dass das Essen verkommt. Das ist nur ein Beispiel, glaubt mir, wenn ihr darüber nachdenkt, macht vieles, was Jason als “Regel” aufgestellt hat, ziemlichen Sinn. Es ist eben nicht alles sofort und unumstößlich umzusetzen.

Von diesen alltäglichen Herausforderungen erzählt das Buch. Wir erfahren eine Menge über Asperger-Autismus, über das Leben mit selbigem, nicht nur von Jason, sondern auch von der Familie. Wir erleben manche Situationen vor unserem geistigen Auge mit (jeder der mal auswärts gefahren ist, kann sich in praktisch jedem Kapitel wiedererkennen, denn – lasst uns ehrlich sein – was haben wir nicht alles schon für Geschichten erlebt. Nur, wir waren und sind erwachsen. Jason wächst erst. Und sein Vater mit ihm. So ergibt sich auch zeitlich eine wunderbare Entwicklung, von der Idee, geboren bei einem eher zufälligen Besuch eines BVB-Spiels, den Lieblingsverein zu finden, bis hin zum aufgeschobenen Ende, dass, um dieses Ziel zu erreichen, wohl irgendwann die lettische fünfte Liga besucht werden muss. Da wird eben auch Fußball gespielt und wie sonst soll man sich für (s)einen Verein entscheiden, wenn man nicht alle kennt? Ist doch logisch.

Wir werden mitgenommen nach Aue und Sankt Pauli, lernen den betrunkenen Friedel kennen und – für viele von Euch wird es das erste Mal sein – gucken beim VfR Aalen gegen Sandhausen vorbei. Alles in einem höchst unterhaltsamen, aber nie unverbindlichen Ton geschrieben, mit wechselnden Blickwinkeln und spannenden Einblicken in ein gutes und glückliches Leben. Das Buch ist ein Mehrwert, liebe Leute, kauft es Euch, es macht großen, großen Spaß. Und das schreibe ich nicht, weil ich Mirco und Jason mag, sondern weil es stimmt.

Über die Homepage gibt es die Möglichkeit, das Buch über diverse Händler zu bestellen, das solltet Ihr unbedingt auch so machen, denn die Provision, die Mirco und Jason von diesen Händler bekommen, geht direkt an die Neven-Subotic-Stiftung. Ihr tut also auch noch etwas Gutes dabei.

Los. Es lohnt sich.

Wir Wochenendrebellen: Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa
von Mirco von Juterczenka
Benevento, 2017

Stuttgart – FC: VAR inkompatibel

1:2 verliert der 1.FC Köln in Stuttgart. Zum ersten Mal seit 125 Jahren verlässt man die Mercedes-Benz-Dingenskirchen-Arena-Stadion-Wasauchimmer punktlos. Nach acht Spielen bleibt weiterhin ein Punkt und drei kümmerliche Tore auf der Habenseite. Zu wenig um noch Hoffnung zu haben auch wenn die Saison gerade einmal zu einem knappen Viertel gespielt ist. Zu viel läuft gegen uns, zu viele Fehler wurden und werden gemacht.

Bei aller Diskussion um den Videobeweis dürfen wir eine ganz wichtige Sache nicht vergessen: Weder der Schiedsrichter, noch der Assistent, noch der VAR oder der liebe Gott sind für den kollektiven Aussetzer in der 94. Minute des Spiels verantwortlich zu machen. Der FC agiert im Tiefschlaf, Akolo setzt sich durch, hat etwas Glück beim Abschluss und zack, ist der Ball im Tor. Das hat nichts aber auch gar nichts mit Ungerechtigkeit zu tun, sondern schlicht und einfach mit Versagen. Alle Aussagen von Pech und Schiebung kannst du zur Seite wischen und nur diese eine Szene angucken. Herrgott, es ist die 94. Minute. Dann muss ich halt nen Punkt mitnehmen und weitergucken aber ich kann doch nicht so weit weg von allem sein und den Stuttgarter Spieler da tanzen lassen, wie er will. Das gibt es doch nicht. Das kann doch wohl nicht wahr sein.

Das Spiel war die perfekte Zusammenfassung der bisherigen Saison des effzeh. Eigentlich hast du mehr vom Spiel, es sieht ganz okay aus (bis 20 Meter vor dem Tor) aber aus dem Nichts bekommst du unfassbar dämliche Gegentore (das 1:0 mit einem idiotischen Ballverlust von Özkan und einem hinterherlaufenden Frederik Sörensen, der aussah als müsste er mit wunden Füßen einem Feuerball entkommen, während Indiana Jones vor ihm mit dem Kelch der Todeskröte zu entfliehen versucht), das 2:1 wie oben beschrieben, begünstigt durch kollektiven Sekundenschlaf der gesamten Kölner Abwehr. Dann machst du selbst die Chancen nicht rein, vergeigst beste Möglichkeiten, hast den Minderwertigkeitskomplex praktisch als Schild umhängen (SCHIESS DOCH ENDLICH MAL DRAUF, MANN!) und ja, okay, vielleicht kommt auch noch eine Prise Pech dazu aber alles in allem ist es bezeichnend für den aktuellen Zustand rund ums Geißbockheim, dass dieses Spiel dann gestern noch verloren ging.

Ich will nicht von verdient sprechen, weil der VfB eigentlich bis auf eine kleine Drangphase, mit zwei sehr guten Chancen, vor dem 1:0 und eben den beiden Toren nie wirklich gefährlich war aber was nützt es denn? Verloren ist verloren ist verloren und wir können uns für warme Worte und einen Handschlag nichts kaufen. Müssig über verdient oder unverdient zu diskutieren, die Tabelle ändert sich dadurch nicht.

Und doch möchte ich ganz kurz, weil Twitter mit 140 Zeichen da vielleicht das falsche Medium für ist, meinen Ärger über den Videobeweis ausdrücken: Der Schiedsrichter gibt in der 89. Minute Elfmeter für den 1.FC Köln. Er zögerte kaum, die Hand deutete auf den Punkt. Okay. Stürmische Proteste, das übliche, alles normal. Dann fordert der Schiedsrichter den VAR zur Unterstützung an, dieser scheint keine genaue Entscheidung treffen zu können, sondern empfiehlt dem Schiedsrichter sich die Szenen selbst noch einmal anzusehen. So stelle ich mir das jedenfalls vor, korrigiert mich bitte wenn der Ablauf falsch ist, aber wenn der VAR eine Fehlentscheidung gemeldet hätte, bestünde ja kein Grund mehr für den Schiedsrichter selbst noch einmal nachzuschauen, oder? Also gut, der Schiedsrichter läuft zum kleinen TV, guckt sich das an. Es vergehen drei Minuten (DREI MINUTEN!), bis er seine Entscheidung revidiert. Jetzt frage ich mich: Wie kann er nach so endlos langer Zeit und nach unzähligen Wiederholungen und einen Nicht-Entscheidung des VAR sicher sein, dass es sich um eine “glasklare Fehlentscheidung handelt”? In der Erklärung der DFL zum Videobeweis heißt es:

Voraussetzung für ein Eingreifen des Video-Assistenten ist jeweils, dass nach seiner Einschätzung ein offensichtlicher Fehler des Schiedsrichters auf dem Platz vorliegt. Ist eine solche, klar falsche Wahrnehmung des Schiedsrichters auf dem Platz nicht gegeben, darf der Video-Assistent nicht eingreifen.

So. Wie ist das vereinbar mit der anscheinend ziemlich tricky Situation auf dem Feld? Wie kann er nach einer solchen Dauer von einer zweifelsfrei falschen Entscheidung ausgehen? Verstehe ich nicht. In dem Zusammenhang würde mich auch interessieren, ob die VAR in der Zentrale in Köln den Kommentar des übertragenden Senders hören können / dürfen? Matthias Stach, der die…

[Exkurs: …ganz herausragende Übertragung von Eurosport begleitete (ja, okay, er informiert immer noch über abenteuerlich unwichtige Dinge) aber er analysiert das Spiel schon ganz gut, er spricht Fehler an, er bewertet Raumaufteilungen usw. Dazu noch die fantastische Vorberichterstattung mit Sammer und Henkel, die den Zuschauer wirklich auf das kommende Spiel vorbereiten, frei von Plattitüden, den Fußball einfach ernst nehmend. Das gefällt mir so unheimlich gut und ist Lichtjahre besser als das unwürdige SKY-Gehampel. Gestern hat der Player auch 1A funktioniert, es gab mal einen kleinen Ruckler kurz vor Anpfiff der zweiten Halbzeit, der durch erneutes Starten des Streams aber aus der Welt war. Für ein funktionierendes Produkt mit einer derartigen Qualität der Übertragung gebe ich wirklich gerne Geld aus. Das ist, liebes Eurosport-Team, ganz groß. Macht richtig Spaß.]

Wo war ich?

Ach ja… Matthias Stach. Der hat sich ja recht schnell auf klare Fehlentscheidung festgelegt. In wie weit kann das eine Entscheidung beeinflussen? Ich mein, das sind auch nur Menschen, die schwimmen auch nicht gerne gegen den Strom. Aber das nur am Rande.

Und sei es wie es sei, am Ende kann man ja sogar sagen: Ja, ist vielleicht die richtige Entscheidung den Elfmeter nicht zu geben, ich fand es jetzt auch nicht zwingend aber: Er pfeift, es gibt eine Berührung ausgehend von dem Stuttgarter Abwehrspieler und die Revision kann gar nicht eindeutig gewesen sein. Wie kann da eine Aufhebung der Tatsachenentscheidung gerechtfertigt werden?

Nochmal: Das hat nichts damit zu tun, dass der effzeh das 2:1 selbst verschuldet hat und drei mal nicht damit, dass Guirassy eine Minute später frei vor dem Tor den Ausgleich vergibt. Nimmt man diese nackten Fakten, dann ist das Ergebnis wie es ist und auch die Entscheidung den Elfmeter nicht zu geben ist (wahrscheinlich) richtig. Ich kann nur den kompletten Vorgang nicht verstehen.

Erschwerend kommt hinzu, dass wir eben schon zwei Mal vom VAR, bzw. vom Nicht-Einsatz des selbigen, klar benachteiligt wurden. Warum gibt es gegen Frankfurt keinen Videobeweis (insgesamt drei Mal, zwei Mal für uns, einmal gegen uns), warum in Dortmund nicht (auch wenn das die Niederlage wohl nicht abwendet) und gestern gab es ihn doch? Ist das alles Gutdünken? Würfelt das der jeweilige Schiedsrichter aus? Die Frustration über die unterschiedliche Handhabung des VAR muss doch nachvollziehbar sein? Heute las ich einem Tweet in dem sinngemäß stand: “Gerechtigkeit ist für manche wohl nur so lange gut, wie sie selbst nicht betroffen sind”. Das ist halt grandioser Schwachsinn. Ich akzeptiere doch die Entscheidung, ich kann damit leben, dass es kein Elfer war. Aber, verdammt nochmal, dann will ich es in gleicher Situation auch FÜR uns so entschieden haben. Ist das zuviel verlangt? Ist das nicht die Definition von Gerechtigkeit, dass gleiche Situationen gleich bewertet werden müssen? Und das passiert eben aktuell nicht.

Ach scheisse.

So, genug der langen Worte, der Frust sitzt schon tief, denn trotz allem Verdruss, trotz aller Entfremdung vom Fußball tut es im Moment halt immer noch weh. Um den Kommentar-Trollen zuvorzukommen noch einmal deutlich: Ich mache den Schiedsrichter und den VAR nicht für die Niederlage gestern verantwortlich, das können wir uns wie immer schön selbst in den Lebenslauf schreiben aber ich verstehe die Entscheidung weiterhin nicht. Und das macht mich rasend.

Wir brauchen jetzt 39 Punkte aus 26 Spielen = 1,5 Punkte pro Spiel = jedes zweite Spiel muss gewonnen werden.

Wird knapp.